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Verlag Christoph Dohr Köln

aktualisiert
Montag, 11.01.2016 9:06

Komponist

Johann Andreas Streicher

Johann Andreas Streicher
 

Vita

Bisher vor allem bekannt durch die berühmten Streicher-Hammerflügel, wird Johann Andreas Streicher (1761-1833) heute zunehmend in weiterem Umfang und auf dem Hintergrund seiner umfassenden kulturgeschichtlichen Bedeutung betrachtet. So fand er nach seinen stürmischen Jugend- und Wanderjahren (als Fluchthelfer Friedrich Schillers und zunächst mittelloser Musiker) in seiner zweiten Lebenshälfte seinen Platz im Herzen des Wiener Musiklebens, insbesondere durch die enge Beziehung von Andreas und seiner Frau Anna Maria
(Nannette) Streicher
zu Ludwig van Beethoven und durch die regelmäßige Aufführung und Uraufführung vor allem zeitgenössischer Werke im eigens dafür erbauten Konzertsaal der Firma Streicher. Als früher Fürsprecher für die Urheberrechte von Komponisten setzte er sich für die völlig verarmte, letzte lebende Tochter Johann Sebastian Bachs, Regina Susanna, sowie für angemessene Verlagshonorare für geplante Noteneditionen Beethovens ein. Streicher erkannte als einer der ersten Zeitgenossen die zukunftsweisende Bedeutung von Beethovens gesamtem Œuvre, zu einer Zeit, als seine Werke in den Wiener Kreisen zum Teil noch als unspielbar und unelegant galten und setzte sich erstmals aktiv für eine Gesamtausgabe der Werke Beethovens ein. Mit Joseph Haydn stand Streicher in engem Kontakt; so vermittelte er unter anderem zwischen Haydn und dem Verlag Hoffmeister & Kühnel zwecks der Drucklegung der "Vier Jahreszeiten".

Streicher selbst war bereits in seiner Vor-Wiener Zeit ein gefragter Klavierlehrer und Arrangeur. Er hatte dadurch zahlreiche erstklassige Interpreten und Interpretinnen zur Verfügung, in erster Linie eigene Schülerinnen und Schüler, für die er zahlreiche Werke als Unterrichtsmaterial komponierte. Allen voran stand als Interpretin seine zukünftige Ehefrau Nannette, die selbst regelmäßig konzertierte. Von Streichers Werken erschienen allerdings nur drei während seiner Lebenszeit im Druck: Rondeau ou Caprice, VIII Variations sur l’Air Anglois "The Laß of Richmond Hill" und VII Variations pour le Piano-Forte.

Beethoven war tief überzeugt von Streichers Fähigkeiten als Klavierbauer, Musiker und Lehrer und hatte häufig die Gelegenheit, Streichers Schülerinnen und Schüler beim Spiel zu hören. Man kann in diesem Zusammenhang Beethovens Äußerung nach dem Konzert einer Streicher-Schülerin [wohl Elisabeth
(Lisette) Bernhard, geb. von Kissow], "dass Sie von den wenigen sind, die einsehen und fühlen, dass man auf dem Klavier singen könne, sobald man nur fühlen kann" [1], nicht hoch genug einschätzen. Auch zeitgenössische Zeugnisse über Streichers eigene Kompositionen sind überliefert; so spielte Nannette am 8. Oktober 1793 in einer Wiener Privatakademie vor Haydn und Kozeluch eine Sonate Streichers; beide Komponisten lobten das Werk. [2]

 

Als frühklassisches Œuvre einer herausragenden kulturellen Persönlichkeit nehmen die Werke Johann Andreas Streichers eine wichtige Stellung ein.
Streicher vermochte durch seine profunde Kenntnis der technischen Möglichkeiten der damals noch neuen Hammerklaviere seine Werke dem neuen Instrument nach Maß zu schneidern (im Gegensatz zu den oft über die technischen Möglichkeiten der Klaviere hinaus strebenden Klavierwerken
Beethovens) und bezeichnete schon früh Pedalanwendung und mannigfaltige Schattierungen der Dynamik, besonders im zarten Piano- und Pianissimo-Bereich.
In seinem 1801 in Wien veröffentlichten kleinen Handbuch über das Klavierspiel (einschließlich des Stimmens und der Pflege des Klavieres) erläutert Streicher detailliert seine Auffassung vom Klavierspiel und nimmt Bezug auf die notwendige Qualität der Instrumente: Ein Fortepiano sei erst dann gut, wenn es "alle Grade der Stärke und Schwäche des Ton’s [sic], auch in den feinsten Abstufungen angibt" [3]. Streicher wusste zu der Zeit selbst bereits wohl um die Hochwertigkeit und Vorrangstellung der Steinschen bzw. Streicherschen Hammerflügel in Wien; er wurde immer stärker in die Firma eingebunden, für welche er sich in den folgenden Jahren als wichtiger Antrieb und Neuerer erwies. Streicher nimmt in seinem Handbuch Stellung gegen den zu harten und lauten Anschlag der Klavierspieler, denn der Klang des Hammerklaviers ist "ein so genannter Silberton, der aber sehr bald, besonders bey [sic] starkem Spielen, Eisenton wird". [4] Allein der Abschnitt über Tongestaltung nimmt fast ein Fünftel von Streichers Buch ein, der Vergleich mit der menschlichen Stimme und dem Ton "der besten Blasinstrumente" [5] ist dabei für ihn der zugrunde liegende Maßstab. Die Wiener (oder Deutsche) Mechanik der Steinschen bzw. Streicherschen Instrumente verkörpert zugleich auch das musikalische Klangideal Streichers: Ein singender Klang, der leiser, zugleich aber geschmeidiger war als bei Instrumenten mit englischer Mechanik (wie von Broadwood).
Zum richtigen Verständnis der Klavierwerke von Johann Andreas Streicher sei daher empfohlen, diese Werke auf historischen (Streicher-)Instrumenten zu spielen, oder zumindest, sich die Bauweise der zeitgenössischen Hammerflügel vorzustellen. Der geringere Tastenweg sowie die zumeist leichtgängige Spielweise erlaubten raschere Tempi als auf den meisten heutigen Flügeln, und der Klangcharakter der Instrumente war wesentlich zarter und farbiger als heute.
© Christoph Öhm-Kühnle 2005
Verlag Dohr Köln

 [1] Brief Ludwig van Beethovens an Johann Andreas Streicher, wohl August / September 1796 (Beethoven-Haus, Sign. NE 95 [BG 22]), publiziert in:
Beethoven und die Wiener Klavierbauer Nannette und Andreas Streicher, hrsg.
v. Michael Ladenburger. Bonn: Verlag Beethoven-Haus Bonn 1999, S. 186f.
[2] Brief von Anna Maria (Nannette) Streicher an Johann Andreas Streicher vom 9. Oktober 1793 (Streicher-Archiv, Sign. Na 89), publiziert in:
Ladenburger, S. 72f.
[3] Johann Andreas Streicher, Kurze Bemerkungen über das Spielen, Stimmen und Erhalten der Fortepiano, welche von [hs.: Nannette Streicher, geborne] Stein in Wien verfertigt werden. Wien, 1801 (Standort: Österreichische Nationalbibliothek Wien), S. 4.
[4] Ibid., S. 12.
[5] Ibid.

 

 


Titel in der Edition Dohr

im Rahmen der Gesamtausgabe der Originalwerke für Klavier der Eheleute Streicher

hrsg. von Christoph Öhm-Kühnle

   

Jeder Band enthält ein informatives Vorwort sowie den kritischen Bericht des Herausgebers zu den enthaltenen Werken. Nachfolgend werden alle Kompositionen und Bearbeitungen Andreas Streichers aufgeführt. Eine vollständige und nach Heften sortierte Übersicht findet sich hier.

 

Coverabbildung Inhalt

6 Variationen über die Melodie "Blühe liebes Veilchen"

pour le Clavecin a quadro Mani (G-Dur)
  

M-2020-1256-7
EURO 10,80

Coverabbildung Inhalt

VII Variations

pour le Piano-Forte (G-Dur)
 

in:
M-2020-1254-3
EURO 16,80

Coverabbildung Inhalt

VIII Variations sur l’Air Anglois „The Laß of Richmond hill"

pour Clavecin ou Forte-Piano (G-Dur)
 

in:
M-2020-1254-3
EURO 16,80

Coverabbildung Inhalt

12 Landlerische

für das Clavier (B-Dur)
 

in:
M-2020-1255-0
EURO 19,80

Coverabbildung Inhalt

XII Variaziones (Es-Dur)
 

in:
M-2020-1253-6
EURO 25,80

Coverabbildung Inhalt

XII Variations (G-Dur)
 

in:
M-2020-1255-0
EURO 19,80

Coverabbildung Inhalt

Das Bouquet

Eine allegorische Pantomime auf das Namensfest, unsers besten Landes Vaters. (Ballettmusik in der Bearbeitung des Komponisten für Klavier 2hd.; D-Dur)
 

M-2020-1258-1
EURO 32,80

Coverabbildung Inhalt

Exercice De Monsieur Streicher

[17 Variationen] (C-Dur)
 

in:
M-2020-1255-0
EURO 19,80

Coverabbildung Inhalt

Exercise pour le Forte=piano

[Etüde] (C-Dur)
 

in:
M-2020-1255-0
EURO 19,80

Coverabbildung Inhalt

Grande Sonate

pour le Forte-piano (F-Dur)

in:
M-2020-1252-9
EURO 21,80

Coverabbildung Inhalt

Grande Sonate

pour le Piano=Forte (Es-Dur)
 

in:
M-2020-1253-6
EURO 25,80

Coverabbildung Inhalt

La pensée de l’objet chéri

(Lied für hohe Singstimme und Klavier; E-Dur)
 

in:
M-2020-1257-4
EURO 19,80

Coverabbildung Inhalt

Rondeau ou Caprice

pour Clavecin ou Forte=piano (Es-Dur)

in:
M-2020-1252-9
EURO 21,80

Coverabbildung Inhalt

Sinfonie aus der Opera: Castor und Pollux von [Abbé] Vogler

(Bearbeitung von Johann Andreas Streicher für Klavier 2hd.; D-Dur)
 

M-2020-1259-8
EURO 14,80

Coverabbildung Inhalt

Sonate (C-Dur)  

M-2020-1251-2
EURO 19,80


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Weitere Ausgabe

Coverabbildung Inhalt

10 Choralvorspiele op. 4 (mit cantus firmus)

für Orgel

hrsg. von Christoph Dohr

M-2020-1250-5
EURO 12,80


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Literatur zum Thema im Verlag Dohr

Alexander Langer | Peter Donhauser

Streicher. Drei Generationen Klavierbau in Wien

439 S., zahlr. farbige Abb., Register. Hardcover

ISBN 978-3-86846-102-2
EURO 98,--


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