Verlag Dohr Köln

Noten edition dohr

Bücher

Tonträger

fermate

Service

e-mail
home

Komponist

Titel im Verlag Dohr

Franz Wüllner

Wüllners Kammermusik im Spiegel ihrer Zeit

 

Das 19. Jahrhundert ist das Jahrhundert der erstarkten bürgerlichen Musikkultur - und damit auch der Siegeszug des Pianofortes. Der Besuch von Konzerten, ja mehr noch das eigene häusliche Musizieren gehörte zum gesellschaftlich Prestige bringenden Muss, ja war - positiv formuliert - für das Bürgertum ein nicht wegzudenkendes Element der Selbstdarstellung.

Das Pianoforte besaß gegenüber Streich- und Blasinstrumenten viele unschätzbare Vorzüge: Der bereits konfektionierte Ton konnte durch von jedermann auszulösenden Tastendruck erzeugt werden. Aufgrund der guten Stimmhaltung konnte das Stimmen einem Dienstleister übertragen werden. Das Pianoforte - gleich welcher Bauart - war als weitgehend immobiles Möbel notwendigerweise fester Bestandteil des bürgerlichen Salons und damit Objekt der Repräsentation.

Der Komponist Franz Wüllner und die Wiener Instrumentenbauerdynastie Streicher sind Exponenten dieser Entwicklung - und trotz ihrer jeweiligen Bedeutung innerhalb ihrer Zeit beide heute gleichermaßen aus dem musikalischen Bewusstsein verdrängt. Zum Konzept der Neuerscheinungen im Verlag Dohr gehört die Verlebendigung jener historischen Aufführungspraxis, in der Musik noch bewusster, aktiver Teil der Freizeitgestaltung war: Wer Musik hören wollte, musste musizieren oder musizieren lassen.

Auch wenn im 20. Jahrhundert das im 19. Jahrhundert geschaffene Ausbildungssystem für Musiker, flankiert durch ein Netzwerk von selektierenden Wettbewerben, perfektioniert worden ist, darf das allgemeine spieltechnische Niveau im 19. Jahrhundert nicht unterschätzt werden: Wüllners Werke verlangen hervorragende Interpreten, nicht nur in der repräsentativen Großform der Violinsonate, sondern auch in der mehr dem Salon verbundenen, intellektuell etwas anspruchsloseren Form des Variationszyklus. Und man ist überrascht, dass gerade dort, wo man ein schülerhaftes Niveau erwartet (ein dem heutigen Image der "Hausmusik" gerecht werdendes Musizieren), nämlich beim Vierhändigspiel am Klavier, hohe Virtuosität erklingt.

***

Franz Wüllner war seinen Zeitgenossen zwar sicherlich auch als Komponist, stärker aber als Dirigent und prägende Gestalt des sich strukturierenden deutschen Musiklebens bekannt. Am 28. Januar 1832 im westfälischen Münster geboren, lebte er in seiner Kindheit mehrere Jahre in Düsseldorf, wo er schon früh Violin- und Klavierunterricht erhielt.

Prägenden Einfluss gewann Arnold Felix Schindler auf Wüllner: Schindler wirkte in Beethovens letzten Lebensjahren als dessen Adlatus und verstand sich nach Beethovens Tod als dessen Sachwalter. Wüllner erhielt seit 1846 Unterricht bei Schindler, ja er folgte ihm zwei Jahre später sogar nach Frankfurt. Nach zwei weiteren Jahren machte sich Wüllner von Schindler frei, vor allem von dessen Forderung, sich gänzlich der Reproduktion des Beethovenschen Klavierwerkes zu verschreiben. In den folgenden Jahren, von 1850 bis 1854, knüpfte Wüllner auf ausgedehnten Konzertreisen, bei denen er sich besonders für Beethovens späte Klaviersonaten einsetzte, jene Kontakte, die er später auswerten würde: Stationen waren u.a. Köln, Berlin, Brüssel und Leipzig. Die Begegnung mit Johannes Brahms begründete 1853 eine lebenslange Freundschaft.

Nach einer ersten, kleinen Anstellung als Musikschullehrer in München (1854-1858) war seine erste wichtige Position die des Städtischen Musikdirektors in Aachen (1858-1864); zu seinen Nachfolgern gehörten später Fritz Busch und Herbert von Karajan. Wenige Jahre zuvor (1852) war das bis dahin saisonweise zusammenkommende Orchester in kommunale Trägerschaft übernommen worden: Die Musiker waren städtische Angestellte geworden, und Sicherheit und Kontinuität ermöglichten nun eine bisher in dieser Form nicht mögliche Orchestererziehung. Der rund dreißigjährige Wüllner erwies sich seiner neuen Aufgabe hervorragend gewachsen, das Aachener Orchester galt im Rheinland als vorbildlich. Wüllner hinterließ einen qualitativ erheblich gefestigten Klangkörper.

Nach Mitwirkung bei Niederrheinischen Musikfesten, nach Bach-Erstaufführungen (sicherlich eine Folge seines Unterrichts beim Kontrapunktlehrer Siegfried Dehn in Berlin, dem Nestor der damaligen Bachforschung) folgte Wüllner 1864 einem Ruf nach München. Hier leitete er die Königliche Vokalkapelle, richtete zur Heranführung des Nachwuchses Chor- und Orchesterklassen an der Musikschule ein. Als Teil-Ergebnis dieser Ausbildungsreform sind die in zahllosen Auflagen bis weit in das 20. Jahrhundert hinein nachgedruckten "Chorübungen der Münchner Musikschule" aus der Entwicklung des deutschen Chorwesens nicht wegzudenken.

Nach Leitung der "Rheingold"- und "Walküren"-Uraufführungen wurde Wüllner zum Ersten Hofkapellmeister ernannt. 1877 ging er nach Dresden und übernahm dort die Leitung des Konservatoriums und Aufgaben als Hofkapellmeister. Wiederum machte er sich einen Namen als Organisator; Intrigen veranlassten Wüllner, sich 1882 nach Berlin zu wenden und dort in der Leitung der Berliner Philharmonischen Konzerte mitzuwirken.

1884 kam der mittlerweile 52-Jährige nach Köln und vollzog hier zunächst die Umwandlung des Gürzenich-Orchesters Köln in ein Städtisches Orchester. Fast zwei Jahrzehnte leitete und gestaltete Wüllner erfolgreich das Kölner Musikleben mit; am 15. April 1902 dirigierte er im Gürzenich sein letztes Konzert; am 7. September desselben Jahres starb er im Kurort Braunfels an der Lahn.

***

Wüllner kam während seiner starken Beanspruchung als Dirigent, Lehrer und Organisator nur "im Nebenberuf" zum Komponieren. Das Werkverzeichnis umfasst 53 gedruckte Opera. Es finden sich Klaviermusik, klavierbegleitete Kammermusik, dann aber vor allem Vokalmusik in Wüllners Schaffen. Die heute im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehenden Gattungen fehlen bei Wüllner: Er schrieb keine Oper, und seine frühen Streichquartette und eine Sinfonie blieben ungedruckt. Franz Wüllner erweist sich jedoch im hier relevanten Bereich der Klavier- und Kammermusik als vollwertiger Vertreter der deutschen Hochromantik.

Die Violinsonate e-Moll op. 30 aus dem Jahre 1871 ist ein ausgewachsenes, reifes Kammermusikwerk, das den Vergleich mit den bedeutenden Zeugnissen seiner musikalischen Zeitgenossen nicht scheuen braucht. Die Themen sind ursprünglich und prägnant, ihre Durchführung fesselnd, die Intensität im Ausdruck groß und von erhabenem Pathos, ohne schwülstig zu werden.

Die 26 Variationen über ein altdeutsches Thema op. 11 für Klavier zu vier Händen kommen musikantischer - wenn auch dort durchaus nicht anspruchslos - daher. Das Werk entstand 1860, und es ist bekannt, dass es von Johannes Brahms sehr geschätzt und von ihm zusammen mit Wüllner bei seinen Besuchen in dessen Haus häufig gespielt wurde - eine geistvolle musikalische Unterhaltung zweier Romantiker. Beim Thema handelt es sich um das altdeutsche Volkslied "Heimlicher Liebe Pein", das mit den Worten "Mein Schatz, der ist auf der Wanderschaft hin, ich weiß aber nicht, wie ich so traurig bin."

Der 22 Variationen umfassende Zyklus über ein Thema von Franz Schubert für Clavier und Violoncell [sic] h-Moll ist die jüngste hier eingespielte Komposition. Sie entstand Mitte der 1870er Jahre. Das Thema findet sich in Schuberts zehntem seiner Zwölf Walzer op. 18 D145. Der Variationszyklus weist zudem eine kleine Besonderheit auf: In der Variation XIV führt Wüllner im originalen "Andante"-Tempo das Thema aus Schuberts Variations-Impromptu B-Dur op. 143 Nr. 3 ("Andante con variazioni") mit leicht modifizierten Intervallen, aber hohem Wiedererkennungsfaktor, ein.

© 2003 by Christoph Dohr/verlag dohr

Wüllners chamber music mirrored by its time

 

The 19th century is the century of the strengthened music culture of the bourgeoisie - and therefore the triumphal march of the pianoforte. Visiting concerts and moreover making music at home was an obligatory way of gaining social prestige and - positively defined - was an indispensable element of self-portrayal. The pianoforte possessed many invaluable advantages compared with strings and wind instruments: the tune already prepared could be realized by anyone who pressed the key. Because of the steadiness of tune, the tuning could be turned over to a service man. The pianoforte - no matter what construction - as an immobile piece of furniture, was a common part of the bourgeois "salon" and therefore an object of representation.

The composer Franz Wüllner and the dynasty of Viennese instrument manufacturers Streicher are exponents of this development - and despite their significance in those days, both are suppressed from musical memory today. The revival of this historical way of performance, in which music is still a conscious and active part of the organization of one's leisure time, is part of the concept of this CD-production. Those who wanted to listen to music had to make music or had to let others make music. Even if the education system created in the 20th Century has been improved by a network of selecting contests, the technical playing skills in the 19th century should not be underestimated: Wüllner's compositions require outstanding interprets, not only in the representative great form of the violin-sonata, but also in the form of variation-cycle that is intellectually a little less demanding and closer linked to the "salon". And it is surprising that especially on the domain of piano music for four hands, high virtuosity can be heard, where one would expect a non-professional level (a music that satisfies today's image of "family music").

***

Franz Wüllner surely was known by his contemporaries as a composer, but even more as a conductor and as a formative character of German music life that was about to gain structure.

Born on January 18th 1832 in the Westphalian city Münster, he lived several years of his childhood in Düsseldorf where he received violin and piano lessons at a very early age. Arnold Felix Schindler gained a formative influence on Wüllner: in the last years of Beethoven's life, Schindler was his assistant and after Beethoven's death, he was his trustee. Since 1846 Wüllner received lessons from Schindler. Two years later he even followed him to Frankfurt. After another two years, Wüllner freed himself from Schindler, above all from his demand to concentrate solely on the reproduction of Beethoven's piano works. During extended concert tours in the following years, from 1850 to 1854, Wüllner - supporting Beethoven's late piano sonatas - made those contacts that he later would utilize. These stations were e.g. Cologne, Berlin, Brussels, and Leipzig. His meeting with Johannes Brahms was the foundation of a lifelong friendship.

After his first employment as a music school teacher in Munich (1854-1858), being the Municipal Director of Music in Aachen was his first important position (1858-1864); in 20th century Fritz Busch and Herbert von Karajan were amongst his successors. A few years before (1852), the orchestra that hitherto had only met in the season, was taken under communal support. The musicians had become municipal employees, thus security and continuity facilitated a kind of orchestral education that hitherto had been impossible. The thirty-year-old Wüllner managed to fulfil his new demands very well - in the Rhineland, the orchestra of Aachen was a model. Wüllner left a qualitatively steadfastened orchestra.

After having taken part in Lower Rhenish Music Festivals and after first performances of Bach-compositions (surely a result of his lessons in counterpoint at Siegfried Dehn's in Berlin, in those days the Nestor of Bach research), Wüllner followed a call to Munich in 1864. Here, he directed the Royal vocal band and arranged choir and orchestra classes at the music school to attract the new generation. As a partial result of this educational reform, the numberless editions of the "Choir-Etudes of the Munich Music School" that have been revised until far in the 20th century, are indispensable to the development of the German choir life.

After having conducted the premieres of Wagner's "Rheingold" and "Walküre", Wüllner was announced the first court director of music. In 1877, he went to Dresden, where he lead the conservatory and became court director of music. Once again, he soon was known as a good organiser; because of intrigues, Wüllner returned to Berlin in 1882 where he took part in the direction of the Berlin Philharmonic Concerts.

In 1884, the 52-year-old man went to Cologne and initialized the change of the "Gürzenich-Orchester Köln" into a Municipal Orchestra. Wüllner successfully directed and formed the Cologne music life for nearly two decades; on April 15th, he conducted his last concert in the Gürzenich concert hall; on September 7th of that year, he died in the health resort Braunfels at Lahn.

***

During his hard work as a conductor, teacher and organiser, Wüllner could be a composer only as a "secondary profession". His Complete Works contain 53 printed compositions. Wüllner composed piano music, chamber music with piano accompaniment, but above all vocal music. Wüllner's Oeuvre lacks those genres standing in the centre of attraction nowadays: he did not write any opera and his early string quartets and a symphony remained unprinted. Nevertheless, Wüllner exposes himself as a fully adequate representative of the German high romantic period on the domain of piano and chamber music that is relevant here.

The violin sonata in E minor Op. 30 of the year 1871 is a mature piece of chamber music that can be compared with the important works of musical contemporaries without hesitation. The themes are primitive and concise, their development gripping, the intensity of expression great and with sublime pathos without becoming kitschy.

The 26 Variations on an old German Theme Op. 11 for piano for four hands seem to be more musician-like - but not unpretentious. The work was composed in 1860. We know that Johannes Brahms has appreciated it very much and played it often together with Wüllner during his visits in his house - a spiritual musical conversation of two romantics. The theme is the old German folksong "Heimlicher Liebe Pein" with the words "Mein Schatz, der ist auf der Wanderschaft hin, ich weiß aber nicht, wie ich so traurig bin".

The cycle consisting of 22 Variations on a Theme by Franz Schubert for piano and violoncello in B minor is the youngest composition recorded here. It was composed in the middle of the 1870s. The theme can be found in Schubert's 10th Waltz of his Twelve Waltzes Op. 18 D 145. The variation cycle shows a small peculiarity: In variation XIV, Wüllner introduces Schubert´s Variations-Impromptu in B flat minor op. 143 No. 3 ("Andante con variazioni") in the original tempo of "Andante" with slightly modified intervals, but with a high probability of recognition.

© 2003 by Christoph Dohr
(translation: Michaela Großmann)

Kompositionen in der Edition Dohr
  • Zweiundzwanzig Variationen op. 39 über ein Thema von Franz Schubert für Clavier und Violoncell. Partitur und Stimme.
    ISMN M-2020-0803-4
    EURO 26,80
DCD020: Franz Wüllner - Kammermusik - Verlag Dohr Köln

Tonträger

Violinsonate e-Moll op. 30*
Suyoen Kim, Violine
Tobias Bredohl, Klavier

Variationen über ein altdeutsches Volkslied op. 24 für Klavier zu vier Händen*
Alina Kabanova und Tobias Bredohl, Klavier

Variationen über ein Thema von Franz Schubert op. 39 für Violoncello und Klavier
Konstantin Manaev, Violoncello
Ekatherina Titova, Klavier

(*Ersteinspielungen / First recordings; eingespielt auf einem Konzertflügel von Jean Baptiste Streicher & Sohn, Wiener Mechanik, Wien 1861)

DCD 020, EURO 18,50

Literatur
  • Dietrich Kämper (Hg.): Richard Strauss und Franz Wüllner im Briefwechsel, Köln: Arno Volk 1963. 55 S. (= BRM 51)
    EURO 15,--
  • Dietrich Kämper (Hg.): Franz Wüllner. Leben, Wirken und kompositorisches Schaffen. Köln: Arno Volk 1963. 170 S. (= BRM 55)
    EURO 22,--



aktualisiert Dienstag, 8. Februar 2011updated
© 1998-2011 by Verlag Christoph Dohr Köln / edition dohr