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Franz Wüllner

Violinsonate e-Moll op. 30*
Suyoen Kim, Violine
Tobias Bredohl, Klavier

Variationen über ein altdeutsches Volkslied op. 24 für Klavier zu vier Händen*
Alina Kabanova und Tobias Bredohl, Klavier

Variationen über ein Thema von Franz Schubert op. 39 für Violoncello und Klavier
Konstantin Manaev, Violoncello
Ekatherina Titova, Klavier

(*Ersteinspielungen / First recordings; eingespielt auf einem Konzertflügel von Jean Baptiste Streicher & Sohn, Wiener Mechanik, Wien 1861)

Aufnahmeort: Cavalli-Studio Bamberg
Aufnahmedatum: 15.-19. September 2003
Bestell-Nummer: Verlag Dohr DCD 020

Preis: EURO 18,50

Tonmeister: Hieronymnus Cavalli
Text: Christoph Dohr, Köln

 

Franz Wüllner - DCD020

 

Rezensionen


Franz Wüllners Kammermusik im Spiegel seiner Zeit

***

Das Instrument

Bei dem für diese Einspielung verwendeten Instrument handelt es sich um einen originalen Hammerflügel der berühmten Wiener Klavierfabrik Johann Baptist Streicher und Sohn mit der Produktionsnummer 5886 aus dem Jahre 1861. Dieser Flügel weist mit 233 cm eine seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für den Konzertgebrauch übliche Länge auf, verfügt über einen Klaviaturumfang von 7 Oktaven (A1-a4) und ist Bestandteil der Sammlung Dohr Köln. Das in seiner Substanz gut erhaltene Instrument wurde anlässlich dieser CD-Produktion von den Werkstätten für historische Tasteninstrumente J.C. Neupert in Bamberg restauriert.

Die Tradition der Klavierbauerfamilie Streicher beginnt mit dem in Augsburg tätigen Johann Andreas Stein (1728-1792), dessen Tochter Nannette (1769-1833) den Pianisten und Klavierbauer Johann Andreas Streicher, einen Jugendfreund Friedrich Schillers, heiratete. Nach Steins Tod verlegte das Ehepaar Streicher 1794 die Werkstatt nach Wien. Instrumente von Stein und Streicher wurden u.a. von Mozart und Beethoven hoch geschätzt. Mehr als ein Jahrhundert, nämlich bis zur Schließung im Jahre 1896, war die Klavierbauerdynastie an vorderster Front bei der Weiterentwicklung von Hammerflügeln tätig. Johann Wolfgang von Goethe, Clara Schumann und Johannes Brahms besaßen Streichersche Flügel. Aus der vieljährigen engen freundschaftlichen Verbindung zwischen Wüllner und Brahms leitet sich die Idee her, bei der Einspielung der Wüllnerschen Klavier- und Kammermusikwerke einen Flügel von Johann Baptist Streicher (1796-1871), dem Klavierbauer der dritten Generation, zu verwenden.

Der Flügel weist einige zeittypische, bei späteren, modernen Konzertflügeln nicht mehr zu findende bauliche Besonderheiten auf, von denen die wichtigsten nachfolgend benannt sind:

• Das Instrument ist noch nicht kreuzsaitig, sondern geradsaitig bezogen, d.h., die Saiten verlaufen sämtlich parallel zur linken Seitenwand.

• Die Saitenspannung wird noch nicht durch einen gusseisernen Rahmen, sondern ausschließlich von zwei die Holzrastenkonstruktion unterstützenden Eisenstreben kompensiert.

• Das Instrument besitzt eine "Wiener Mechanik" (Prellzungenmechanik), wie sie vor allem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wegen ihres hellen, singenden Tons und ihrer leichten und damit feine Nuancierungen zulassenden Spielart sehr beliebt war. Die Prellzungenmechanik unterlag schließlich der heute ausschließlich gebauten, zu Streichers Zeiten besonders von der renommierten englischen Firma Broadwood and Sons und der noch sehr jungen, aber rasch sehr erfolgreichen Firma Steinway verbreiteten "englischen" Stoßzungenmechanik; letztere ermöglichte größere Hammerkopfgewichte (bei freilich deutlich schwererer Spielart) und damit den Bau lauter klingender Instrumente für die ständig an Größe wachsenden Säle des bürgerlichen Konzertbetriebs.

• Im Gegensatz zu den heutigen, aus gepresstem Filz bestehenden Hammerköpfen sind die Hammerköpfe des Streicherschen Flügels beledert. Das Ergebnis ist ein obertonreicherer, silbriger Klang, der eine besonders klare Zeichnung der musikalischen Linien zur Folge hat.

© 2003 by Christoph Dohr

Wüllners chamber music mirrored by its time

***

The Instrument

The instrument used in this recording is an original fortepiano of the famous Viennese piano manufacturer Johann Baptist Streicher and Son. It got the production number 5886 of the year 1861. With 233 cm, this pianoforte has a usual length for the first half of the 19th century, it has a keyboard-range of 7 octaves (A1-a4) and is part of the Dohr Collection Cologne. The instrument, its substance being in a good condition, was restored in the workshops for historical keyboard instruments J.C. Neupert Bamberg especially for this recording.

The tradition of the family of piano manufacturers Streicher starts with Johann Andreas Stein (1728-1792) who worked in Augsburg. His daughter Nannette (1769-1833) married the pianist and piano manufacturer Johann Andreas Streicher, an early friend of Friedrich Schiller. After Stein's death, the couple Streicher moved with the workshop to Vienna. The instruments of Stein and Streicher were highly appreciated by e.g. Mozart and Beethoven. The dynasty of piano manufacturers worked on the latest developments of pianofortes for more than a century, until its closure in 1896. Johann Wolfgang von Goethe, Clara Schumann and Johannes Brahms possessed pianofortes manufactured by Streicher. Because of the longstanding and close friendship between Wüllner and Brahms, the idea occurred to use a pianoforte of Johann Baptist Streicher (1796-1871) for the recording of Wüllner's piano and chamber music. He was a piano manufacturer of the third generation.

The pianoforte shows some peculiarities that are typical of its time, but cannot be found in later, modern grand pianos. Here are the most important ones:

• The strings of the instrument are not yet drawn crossed but straight, i.e. the entire strings are running parallel to the left side.

• The tension of the strings is not yet compensated by a cast-ironed frame, but solely by two iron braces that support the wooden frame construction.

• The instrument possesses a "Viennese action" (Germ.: Prellzungenmechanik) like it was common above all in the first half of the 19th Century because of its light, singing sound and its light touch that therefore allowed to play with fine nuances. The Viennese action was finally replaced by the "English double action" (Germ.: Stoßzungenmechanik) that is the only construction used today. In Streicher's times, it was above all manufactured by the famous English company Broadwood and Sons and the still very young, but quickly success-gaining company Steinway. The latter facilitated greater hammerhead weights (of course with a much harder touch) and therefore the construction of instruments that possessed a louder sound, as the concert halls of the bourgeois concert business were enlarging.

• In contrast to today's hammerheads that consist of felt, the hammerheads of the Streicher pianoforte were made of leather. The consequence is a silver-like sound rich in overtones that results in a very clear drawing of the musical lines.

© 2003 by Christoph Dohr
(translation: Michaela Großmann)

 


Künstler-Viten (Stand Herbst 2003)

Die in Münster geborene Suyoen Kim begann als Zehnjährige im Jahre 1997 - als damals jüngste Jungstudentin Deutschlands - ihr Geigenstudium an der Abteilung Münster der Hochschule für Musik Detmold bei Prof. Helge Slaato. Zahlreiche Preise und Förderpreise, darunter diejenigen von "Jugend musiziert" und der gwk (1999), haben die Entwicklung dieser Geigerin in den letzten sechs Jahren begleitet. Suyoen Kim spielt auf einer Violine von Camillus Camilli (Mantua, 1742), die ihr der Deutsche Musikinstrumentenfonds in der Deutschen Stiftung Musikleben leiht. Sie konzertierte bereits erfolgreich mit Orchestern in Korea und Deutschland.

Suyoen Kim was born in Munster and started her violin studies at the age of ten at the department Munster of the music conservatory Detmold with Prof. Helge Slaato in 1997. At that time, she was the youngest junior student of Germany. The development of this violinist was accompanied by numerous prizes and grants, i.a. of the contest "Jugend musiziert" and of the gwk (1999). Suyoen Kim plays a violin of Camillus Camilli (Mantua, 1742), received by the Deutscher Musikinstrumentenfonds of the Deutsche Stiftung Musikleben. She has already given successful concerts with orchestras in Korea and Germany.


Tobias Bredohl, geboren 1974 in Münster, ist seit 1988 Schüler von Prof. Gregor Weichert, von dem auch die Idee der Wiederbelebung der Musik Franz Wüllners in Konzerten und auf CD stammt. Sein 1994 bei Weichert an der Abtl. Münster der Hochschule für Musik Detmold begonnenes und dort 1999 mit Künstlerischer Reifeprüfung und 2003 mit Konzertexamen abgeschlossenes Studium wird durch ein intensives Konzertieren als Solist und Kammermusikpartner im deutschen Musikleben umgesetzt. Mehrere Preise bei europäischen Musikwettbewerben sowie der Förderpreis der gwk (1999) bestätigen sein herausragendes künstlerisches Niveau.

Tobias Bredohl, born in Munster in 1974, has been a student of Prof. Gregor Weichert since 1988. It was Weichert´s idea to revive the music of Franz Wüllner in concerts and on CD. Bredohl started his studies with Prof. Weichert at the department Munster of the music conservatory Detmold in 1994 and finished them in 1999 with the final examination and in 2003 with a concert exam. In giving many concerts as a soloist and a chamber music partner, he now practises his studies in German music life. Several prizes at European music competitions as well as the grant of the gwk (1999) confirm the high level of his artistic capabilities.


Alina Kabanova stammt aus dem ukrainischen Sewastopol. Bereits als Zehnjährige erlangte sie 1992 den Sonderpreis für junge Künstler des Moskauer Konservatoriums, wo sie bei Prof. W. Gornostaewa und Prof. K. Knorre studierte. Zur Ergänzung ihrer Studien kam Alina Kabanova im Jahre 1999 an die Abtl. Münster der Hochschule für Musik Detmold, wo sie zunächst von Prof. Michael Keller und nun von Prof. Gregor Weichert unterrichtet wird. Alina Kabanova trat bereits wiederholt als Solistin mit renommierten Orchestern auf und gibt seit 1999 Solokonzerte in ganz Europa. Zu den zahlreichen Auszeichnungen ihrer Karriere gehört auch der Förderpreis der gwk (2001).

Alina Kabanova comes from the Ukrainian city Sewastopol. She was only ten years old when she received the special prize for young artists at the Moscow conservatory in 1992, where she studied with Prof. W. Gornostaewa and Prof. K. Knorre. To complete her studies, Alina Kabanova changed to the department Munster of the conservatory of music Detmold in 1999, where she at first received lessons by Prof. Michael Keller and now by Prof. Gregor Weichert. Alina Kabanova has already given concerts as a soloist with famous orchestras and gives solo recitals all over Europe since 1999. The grant of the gwk (2001) is one of the numerous awards of her career.


Der russische Cellist Konstantin Manaev und die ukrainische Pianistin Katherina Titova erhielten als Duo 2002 den gwk-Förderpreis Musik. Bevor die beiden Musiker als 18-Jährige im Jahre 2001 ihr Studium an der Abtl. Münster der Hochschule für Musik Detmold aufnahmen, wurden sie an der Spezialschule des Moskauer Konservatoriums unterrichtet. Derzeit vervollkommnen die bereits auf vielen Wettbewerben als Solisten ausgezeichneten Studenten ihre Fähigkeiten an der Hochschule für Musik Dresden bei Prof. Wolfgang E. Schmidt (Cello) und Prof. Arkadi Zenzipér (Klavier).

The Russian cellist Konstantin Manaev and the Ukrainian pianist Katherina Titova received the gwk grant as a duo in 2002. Before the two musicians started their studies at the age of 18 at the department Munster of the conservatory of music Detmold in 2001, they had been taught at the special school of the Moscow conservatory. At present, the two students who have already been awarded as soloists in several competitions, complete their skills at the conservatory of music Dresden at Prof. Wolfgang E. Schmidt (violoncello) and Prof. Arkadi Zenzipér (piano).


Rezension

Musik ganz anderen Zuschnitts ist auf einer CD des Kölner Labels "verlag dohr" zu hören. Da geht es um den Brahms-Zeitgenossen Franz Wüllner. Der stammte aus Münster in Westfalen, spielte in Dresden und Berlin eine bedeutende Rolle und war gegen Ende seines Lebens Gürzenich-Kapellmeister in Köln. Auf der CD finden sich eine ausgewachsene Violinsonate in e-moll, Wüllners Opus 30, vierhändige Variationen über ein altdeutsches Volkslied op.11 und 22 Variationen über ein Thema von Schubert für Klavier und Violoncello. Beteiligt sind an dem Projekt die Geigerin Suyoen Kim, die Pianisten Tobias Bredohl, Alina Kabanova und Ekatherina Titova und der Cellist Konstantin Manaev. Wüllners sehr eigenständigen Stil zu beschreiben, ist nicht ganz einfach. Offenkundig erlag er nicht dem Sog des Zeitgenossen Brahms, sondern ging sehr persönliche Wege. Am ehesten könnte man ihn als Klassizisten bezeichnen und dem großen Camille Saint-Saens an die Seite stellen. Wüllner setzt das beethovensche Denken fort, nutzt dazu aber die sich verästelnde Formentwicklung der Romantik und orientiert sich in der Harmonik einerseits an Schumann, anderseits an französischen Modellen der 1860er Jahre. Die Themen haben die melodische Eleganz der Oper, werden aber nicht nur höchst geistreich, sondern auch ausgesprochen abwechs-lungsreich verarbeitet. Will sagen: Wüllner ist nie akademisch. Und dementsprechend wird bei dieser Produktion auch frisch und unmittelbar musiziert. Ein Highlight ist dabei ohne Zweifel der alte Wiener Streicher-Flügel aus dem Jahr 1861 mit seinem unaufdringlichen, singenden Diskant und einer Cellolage wie Samt. Ein Ausschnitt aus dem zweiten Satz der Violinsonate op.30 mit der Geigerin Suyoen Kim und dem Pianisten Tobias Bredohl. *-*

Suyoen Kim und Tobias Bredohl mit einem Ausschnitt aus dem zweiten Satz der Violinsonate von Franz Wüllner. Die CD ist beim Kölner Verlag Dohr erschienen und macht, nebenbei bemerkt, Lust darauf, sich mal Noten von Wüllner zu besorgen und das eine oder andere Stück selbst unter die Finger zu nehmen.

Norbert Ely, Sonntag,11.01.2004
09.10-09.30 Uhr
DLF, DIE NEUE PLATTE
Kammermusik


Rezension

Für die Entwicklung des Kölner Musiklebens war der 1823 in Münster geborene Franz Wüllner ein wichtiger Exponent, verdankte das traditionsreiche Gürzenich-Orchester, dem er von 1884 bis 1902 als Chefdirigent vorstand, doch seine Etablierung als "städtisches Orchester" und damit seinen festen Platz in der neueren Geschichte der Domstadt. Als Dirigent war Wüllner damals eine Autorität; mit dem ein Jahr jüngeren Brahms war er befreundet, und ihm war gewiss auch die Uraufführung des a-moll-Doppelkonzertes von Brahms 1887 in Köln zu verdanken, die der Komponsit aber selbst leitete.

Dasa Wüllner zudem ein fruchtbarer Komponist war, dessen Musik sich hinter manch berühmteren Zeitgenossen nicht zu verstecken braucht, offenbart eine gerade erschienene CD des Kölner Dohr-Verlags, der auch einige Werke Wüllners ediert hat. Seine großangelegte Violinsonate op. 30 beispielsweise besticht durch großen thematischen Einfallsreichtum und Sinn für die spezifischen Möglichkeiten der Instrumente. Natürlich lässt Manches an Brahms denken, auch in der formalen Anlage: An dritter Stelle des viersätzigen Stückes steht kein Scherzo, sondern eher versonnenes "Moderato", das an ähnliche Mittelsätze von Brahms, aber auch von Mendelssohn denken lässt, dem Wüllners Musik ebenfalls in mancher Hinsicht verpflichtet scheint.

Scherzo-hafte Elemente bringt zum Ausgleich dagegen der vielgliedrige Finalsatz, und der gerade 16jährigen, wie Wüllner in Münster geborenen Geigerin Suyoen Kim wird Einiges an Virtuosität abverlangt, das sie jedoch mit Leichtigkeit und Brillanz beibringt.

Der für die vorliegenden Aufnahmen verwendete Flügel (aus der Sammlung des Verlegers) von 1861, hergestellt in der legendären Wiener Pianofortefabrik Streicher mit seiner "leichten" Wiener Mechanik erlaubt den Pianisten Tobias Bredohl und Ekatherina Titova ein sehr nuancenreiches, feinsinniges Spiel, das dem überwiegend intimen Charakter von Wüllners Musik sehr zugute kommt.

Neben der Violinsonate enthält die Platte zwei längere Variationen-Werke, von denen diejenigen über ein Schubert-Thema für Klavier und Violoncello sich als besonders ideenreich erweisen. Auch die Aufnahmetechnik dieser Einspielung ist zu loben: Der Klang wirkt mäßig räumlich, aber gleichwohl immer präsent und bietet einen runden, nirgends aufdringlich wirkenden Klang, der Wüllners Musik bestens angemessen scheint. Dass sie durch diese Edition der ungerechtfertigten Vergessenheit entrissen werde, bleibt nur zu wünschen.

Günther Duvenbeck
Köln-Bonner Musikkalender
Nr. 184 / Januar 2004

aktualisiert Donnerstag, 14. Dezember 2006updated
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