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Johann Christian Heinrich Rinck
Klavierwerke Vol. 1

 

 

 

 

 

 

 

Oliver Drechsel * Klavier / Piano

Instrument: Hammerflügel von Christian Erdmann Rancke Riga ca. 1820 (englische Mechanik), Sammlung Dohr, Köln [Restaurierung: J.C.Neupert, Bamberg 2002]

Aufnahmeort: Studio Cavalli-Records Bamberg
Aufnahmedatum: 17.-19. Oktober 2002
Tonmeister und Schnitt: Hieronymus Cavalli
Stimmung (modifiz. Kirnberger III) und Instrumentenbetreuung: Prof. Egino Klepper

Booklet-Redaktion und -Layout: Christoph Dohr
© Booklet-Text: Christoph Dohr/Verlag Dohr
Cover: Ölgemälde von Gottl. Seb. Gläser 1824
(Privatbesitz Darmstadt, mit frdl. Genehmigung)
Instrumenten-Fotos: Christoph Dohr

 

 

Bestell-Nummer: Verlag Dohr DCD 018
EAN 4040406000194
Preis: EURO 18,50

benutzte Notenausgaben: Edition Dohr

Johann Christian Heinrich Rinck: Klavierwerke Vol. 1 DCD018
  • Acht Variationen [...] über das beliebte akademische Lied "Brüder, lagert euch im Kreise" op. 44 (1818) [8'21'']
  • 30 Exercices à deux parties dans tous les tons op. 67 (1821) [XXX zweistimmige Uebungen durch alle Tonarten] (Auswahl)
    -- Exercice Nr. 16 ais-moll. Andante [2'49'']
    -- Exercice Nr. 20 g-moll. Allegro moderato [1'49'']
    -- Exercice Nr. 5 D-dur. Moderato [1'09'']
  • VI Variationen [...] über Gottfried Webers Lied "Das Vögelchen" op. 61 (1820) [7'10'']
  • Exercice Nr. 22 c-moll. Andante [1'28'']
    Exercice Nr. 3 G-dur. Allegretto [1'21'']
    Exercice Nr. 1 C-dur. Andante [2'23'']
  • VIII Variations [...] sur l'air "Freut euch des Lebens" op. 39 (1816) [10'55'']
  • Exercice Nr. 18 d-moll. Allegretto [1'36'']
    Exercice Nr. 28 es-moll. Andante [3'33'']
    Exercice Nr. 26 b-moll. Moderato [1'48'']
  • VIII Variations [...] sur l'air connu "Zu Steffen sprach im Traume" op. 62 (1820) [2'46'']
  • Exercice Nr. 23 As-dur. Allegro [2'30'']
    Exercice Nr. 24 f-moll. Moderato [2'29'']
    Exercice Nr. 17 F-dur. Moderato [1'53'']
  • VIII Variationen [...] über den Marsch "Zieht ihr Krieger, zieht von dannen" [op. 51] aus dem Unterbrochenen Opferfest (1818) [14'13'']

Zur Aufnahme

Der Komponist

Johann Christian Heinrich Rinck wurde am 18. Februar 1770 in Elgersburg im Herzogtum Gotha, am Fuße des Thüringer Waldes, geboren. Sein Großvater und sein Vater, der sein erster Musiklehrer wurde, hatten dort fast ein Jahrhundert hindurch die Schullehrerstelle verwaltet. Weiteren Unterricht erhielt Rinck von Organisten und Kantoren der Region, bis er 1786 nach Erfurt zu Johann Christian Kittel, dem letzten Schüler Johann Sebastian Bachs, kam. Rinck blieb drei Jahre bei Kittel, erhielt Unterricht im Orgelspiel und in Komposition und konnte mit diesen Fähigkeiten 1790 die Stadtorganistenstelle in Gießen annehmen.

Rinck beklagte sich später in seiner kleinen Autobiographie (gedruckt Breslau 1833) über die Verhältnisse in Gießen: Zwar konnte er bis 1793, dem Jahr seiner Eheschließung, sein Gehalt auf ein erträgliches Niveau steigern; von der musikalischen Entwicklung in den übrigen deutschen Ländern fühlte sich Rinck jedoch abgeschnitten.

So war es verständlich, dass er im Juli 1805 die Chance wahrnahm, nach Darmstadt zu wechseln, obwohl er kurz zuvor noch in Gießen zum Universitätsmusikdirektor ernannt worden war. In Darmstadt war Rinck zunächst als Stadtorganist, Kantor und Musiklehrer am großherzoglichen Pädagogium, zudem als Examinator der Schulamtskandidaten der Provinz Starkenburg und Mitglied der großherzoglichen Hofkapelle angestellt. 1813 vertauschte er die Stelle des Stadtorganisten mit der an der Schlosskirche und wurde 1817 zum "wirklichen Kammermusikus" ernannt.

Johann Christian Heinrich Rinck galt schon früh als einer der besten Organisten seiner Zeit, wurde als Orgelsachverständiger konsultiert und machte auch mehrfach Konzertreisen. Die Universität Gießen ernannte ihn 1840 zum Dr. phil. h.c.; 1839 und 1843 zog sich Rinck sukzessive mit der hohen Pension von 1803 fl., der Summe aus seinen Bezügen als Pädagoglehrer, Stadtkantor, Hoforganist und Kammermusiker, von seinen Ämtern zurück.

Johann Christian Heinrich Rinck war ein reicher Mann. Zu seinen laufenden Bezügen kamen nicht unbeträchtliche Zahlungen seiner Privatschüler, der Verleger seiner Werke und der Zeitschriften, die seine zahlreichen Rezensionen druckten, hinzu. Über die für Werke der Reifezeit von den Verlagen gezahlten Beträge sind in den Briefen des Schottschen Archivs, des Stadtarchivs Darmstadt und der Hs. 3871 der Hessischen Landesbibliothek eine ganze Reihe von Belegen erhalten. Ein Beispiel: Am 28. Mai 1820 verlangt Rinck von Schott für die Variationen über Webers Lied "Das Vögelchen" op. 61 "10 fl. baar und 12 frei Exemplare".

Rinck starb am 7. August 1846 im hohen Alter von 76 Jahren in Darmstadt. Die Nachwelt tat viel zu seinen Ehren und zum Erhalt seines Andenkens; so wurde 1851 eine 1846/47 initiierte Stiftung konstitutiert, die erst 1923 durch die Inflation zugrunde ging. 1996 gründete sich in Darmstadt eine neue Christian-Heinrich-Rinck-Gesellschaft.

Johann Christian Heinrich Rinck war ein fruchtbarer Komponist, der Elemente der barocken Polyphonie, der Klassik und der Frühromantik in seinem Personalstil vereinte. Unter seinen 129 mit Opus-Zahlen versehenen Werken überwiegen die Orgelwerke; in diesem Sektor hat sich Rincks Ruhm auch fast ungebrochen bis heute erhalten: Gerade mit seinen Orgellehrwerken gilt er als herausragende Persönlichkeit in der Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts.

Die übrigen mit Opus-Zahlen versehenen Werke ereilte dasselbe Schicksal wie die noch nicht überschaubare Menge seiner ungedruckten Werke: Sie fielen der Vergessenheit anheim.

Die vorliegende CD vereinigt in Weltersteinspielung die innerhalb eines engen Zeitraumes von nur fünf Jahren publizierten Werke für Klavier solo. Die fünf Variations-Zyklen aus dieser Zeit besitzen einen salonhaft-unterhaltenden Charakter; sie transportierten beliebte Melodien - Volkslieder und Singspiel-Ohrwürmer - von der Straße und aus dem Theater in die Häuser des gehobenen Bürgertums, ließen sie dort nachklingen und fortbestehen.

Beachtenswert sind aber auch die hier als Interludien in Auswahl eingebrachten "30 Exercices à deux parties dans tous les tons" op. 67: Zum einen stellt sich Rinck in die Nachfolge von Johann Sebastian Bach, zum anderen führt er Bachs Vorbild fort: Er erweitert Bachs Idee der Inventionen auf Bicinien von bis zu einhundert Takten Länge; der Umgang mit dem Material lässt den Frühromantiker in Rinck durchscheinen.

Im Tonartenplan geht Rinck in den "Exercices" weiter als das "Wohltemperierte Klavier": Rinck besetzt nicht jede "Taste" der Klaviatur mit je einem Dur- und Moll-Stück, sondern geht streng im Quintenzirkel vor: Auf C-dur/a-moll folgen 14 Kreuztonarten-Uebungen bis ais-moll, dann kommen 14 B-Tonarten bis as-moll.

Vom kompositorischen Esprit her ist Rinck weit von Czernys monotonen mechanischen Etüden entfernt. Selbst wenn das musikalische Material banal (Tonleiter-Uebung D-dur) ist, erfordert die Realisierung der Exercice einen wachen Geist; Rinck wandelt das Material ständig um; seine Modulationsfreudigkeit führt ihn innerhalb weniger Takte weit von der Grundtonart weg - gelegentlich bis zur Tritonus-Tonart - und wieder zum Ausgangspunkt zurück.

Johann Christian Heinrich Rinck ist im selben Jahr wie Beethoven geboren, überlebt diesen aber um fast zwei Jahrzehnte. Es ist spannend, sich die höchst gegensätzlichen Lebenswege zweier Altersgenossen gegenüberzustellen. Die vorliegende CD möchte durch die Veröffentlichung der Rinckschen Klaviermusik aufzeigen, wie groß die Bandbreite unter zeitgleich wirkenden Komponisten war. Die CD folgt nicht nur in der Reihenfolge der Variationszyklen einer programmatischen Dramaturgie; auch die "Exercices" sind in der Tonartenfolge bewusst als logische Bindeglieder ausgewählt.

 

Das Instrument

Beim für die Ersteinspielung von Klavierwerken von Johann Christian Heinrich Rinck verwendeten Instrument handelt es sich um einen Hammerflügel aus der Werkstatt eines bisher gänzlich unbekannten Klavierbauers, Christian Erdmann Rancke aus Riga. Seine Lebensdaten sind beinahe diejenigen Franz Schuberts (1796-1828): Im September 1795 wird C. E. Rancke in Riga geboren; Großvater und Urgroßvater waren gefragte Tischler, Großvater Erdmann Rancke errichtete die Contius-Orgel in der ref. Kirche Riga. Christian Erdmann Rancke starb Anfang Mai 1827 im Alter von 31 Jahren und neun Monaten.

Ranckes undatierter Hammerflügel entspricht dem Typ der Broadwoodschen Hammerflügel aus der Mitte der 1810er Jahre: Er besitzt eine Länge von ca. 225 cm, hat sechs Oktaven und eine Sekunde (F1 bis g4) Umfang und eine englische Mechanik mit einfacher Auslösung. Die Dämpfung ist in den Bass- und den Diskantbereich geteilt; in vielen Details schlägt noch die Abstammung vom Cembalo durch: senkrechter Tastaturvorderdeckel, geschlossener Instrumentenboden, "Dockenleiste" als Begrenzung der vertikalen Dämpferbewegung.

In anderen Punkten zeigt der Hammerflügel, dass er nicht nur gut klingen, sondern auch gut aussehen sollte und damit schon zur Entstehungszeit von einigem Wert war: massive Ebenholz-Obertasten ragen aus mit Elfenbein belegten Untertasten hervor; edle Messingbeschläge mit allegorischem, als Halbrelief gearbeitetem Motiv halten den Deckel geschlossen. Der Korpus ist mit ausgesuchtem Pyramiden-Mahagoni-Furnier, durchzogen von hellen Ahornadern, belegt, das auf dem Tastenvorderdeckel zu einem attraktiven achsensymmetrischen Bild komponiert wurde. Im Klaviaturraum kontrastiert leuchtend grünes Rosenholz mit dem Mahagoni. Im Inneren des Instrumentes wird wiederholt Vogelaugenahorn-Furnier verwendet. Das filigrane Notenpult lässt sich durch einen raffinierten Mechanismus in der Höhe verstellen.

Der Hammerflügel von Christian Erdmann Rancke ist ein Dokument des typischen englischen Klangideals zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Hier zeigt sich, wie die Handelsströme (und damit die Modetrends, denen das reiche obere Bürgertum Rigas folgte) der alten, 1201 von deutschen Kaufleuten mit Lübecker Stadtrecht gegründeten Hansestadt verliefen.

Rincks Musik "passt" genau auf dieses Instrument: Sie ist für einen solchen Hammerflügel wie den von Christian Erdmann Rancke komponiert; Rinck weiß mit den Besonderheiten, etwa der gerade erst neu zur Verfügung stehenden obersten Oktave, die sich instrumentenbaugeschichtlich/klanglich noch im Entwicklungsstadium befindet, sicher umzugehen, zum Beispiel in opus 61, wo er "Das Vögelchen" genau in diese neuen Höhen "hineinfliegen" lässt. Rinck bedient geschickt die "Register", die verschiedenen Lagen des Hammerflügels.

Und so nutzt Rinck dieses neue sechsoktavige Instrument voll aus, er "braucht" den gesamten Ambitus: Seine hier eingespielten Werke sind auf den bis 1800 gebauten fünfoktavigen Instrumenten unspielbar; und auch und gerade die polyphonen, kontrapunktisch ausgefeilten "Exercices" sind "echte" Klavierwerke, die auf der bis in die Gegenwart nur viereinhalb Oktaven Manualumfang besitzenden Orgel nicht ausführbar sind. Sie sind deshalb auch keine "Kirchenmusik".

Der Hammerflügel wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit um das Jahr 1820 von Christian Erdmann Rancke in Riga erbaut; das Instrument konnte im Jahre 2000 von einer aus Riga stammenden und 1918 mit dem Instrument nach München emigrierten Familie "aus Ersthand" für die Sammlung Dohr erworben werden. Die Werkstätten für historische Tasteninstrumente J.C. Neupert Bamberg restaurierten den Hammerflügel unter Wahrung der fast vollständig erhaltenen Originalsubstanz konzerttauglich. Die Restauration stellt bestmöglich den Willen des Erbauers wieder her.

Ein Eingriff vielleicht aus dem Jahre 1918, der die Statik des Instrumentes nach Aufbringung moderner, stärkeren Zug verursachender Klaviersaiten durch zusätzliche drei Spreizen statisch sichern sollte und das Instrument baugeschichtlich auf den ersten Blick zwei Jahrzehnte jünger aussehen lässt, wurde nicht rückgebaut.

© 2002 by Christoph Dohr /Verlag Dohr Köln

aktualisiert Donnerstag, 22. Dezember 2011 updated
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