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Einführung
Johann Andreas Herbst (1588-1666) zählt zu den vielseitigsten Musikerpersönlichkeiten der Schützgeneration im süddeutsch-fränkischen Raum. Die Lehrjahre in seiner Vaterstadt Nürnberg ließen ihn vertraut werden mit dem Werk Lassos, Lechners und Haßlers. Seine erste Anstellung fand Herbst 1614 am Hofe des musikliebenden Landgrafen Philipp V. von Hessen in Butzbach. Fünf Jahre später wechselte er an den Darmstädter Hof, dessen wohldotierte Kapelle ihm reichere Möglichkeiten bot. Die Wirren des Dreißigjährigen Krieges trafen Darmstadt hart: Die Kapelle musste reduziert werden, und als Landgraf Ludwig V. im Mai 1622 in Gefangenschaft geriet, intensivierte Herbst seine schon in den Vorjahren angebahnten Kontakte zum Rat der Stadt Frankfurt am Main mit der Widmung von fünf Motetten (Cantiones sacrae) zu Neujahr 1623. Bereits im September des gleichen Jahres konnte er die neugeschaffene Stelle eines städtischen Musikdirektors in Frankfurt antreten, mit der die Leitung der Kirchenmusik an der evangelischen Hauptkirche, der Barfüßerkirche, verbunden war.
Mit einer grundlegenden Neuorganisation des Musiklebens in Frankfurt erwarb Herbst sich bleibende Verdienste und setzte Maßstäbe für spätere Zeiten. Zwischen 1636 und 1644 ging er als Kapellmeister an der Frauenkirche nach Nürnberg, kehrte dann jedoch wieder nach Frankfurt zurück. Neben zahlreichen, großenteils ungedruckten Kompositionen, hinterließ er mehrere Musiktraktate in deutscher Sprache, deren historischer Wert in jüngster Zeit erst voll erkannt wurde.
Die fünf Motetten, mit denen sich Herbst 1623 dem Frankfurter Rat empfahl, werden hier erstmals vollständig veröffentlicht. In der den sechs autographen Stimmbüchern jeweils vorangestellten Widmung (siehe Abbildung) offenbart sich Herbsts Redlichkeit in dem Passus "de novo elaboratas", denn einige der Motetten hatte er in den Jahren zwischen 1617 und 1622 bereits seinem Fürsten zugeeignet. Spuren der Überarbeitung zeigt die Motette "Beatus vir", deren ältere Fassung im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt erhalten ist; dort ist sie bezeichnet als "Symphonia gratulatoria" für Landgraf Ludwig V. zum 25. August 1622 - so das Titelblatt; eine beiliegende handschriftliche Widmung Herbsts ist um ein Jahr früher datiert (25. August 1621). Diese Darmstädter Fassung hat Wilibald Nagel in seiner Studie "Zur Geschichte der Musik am Hofe von Darmstadt" (Monatshefte für Musikgeschichte, Heft 32, 1900) veröffentlicht. Wenig später publizierte Caroline Valentin das Eröffnungsstück der Cantiones sacrae Lobet den Herren alle Heiden in ihrer "Geschichte der Musik in Frankfurt am Main vom Anfange de XIV. bis zum Anfange des XVIII. Jahrhunderts" (Frankfurt/M. 1906, S. 144ff.). Der Entstehungszeit nach (1617) dürfte diese Motette das älteste Stück der Sammlung sein. Es weist, ebenso wie die von Nagel veröffentlichte Motette, eine relativ strenge Orientierung am "stile antico" und ein deutliches Überwiegen imitatorischer gegenüber homorhythmischer Satztechnik auf.
Demgegenüber vermitteln die drei anderen Stücke eher einen Eindruck von der stilistischen Vielfalt jener Zeit. Laetatus sum ist bei gleicher Dichte der Imitationstechnik von "modernerem" Charakter durch die Verwendung madrigalisch kleingliedriger Motivik und rhythmisch belebender Variantenbildung, während in den beiden übrigen Motetten "Herr Jesu Christ" und "Herr, wer wird wohnen" das motettische Prinzip der Imitation spürbar zurücktritt gegenüber klangvoller homorhythmischer Schreibweise, die im ersten der beiden Stücke schon im Exordium hervortritt, im letzten und bei weitem umfangreichsten sich im Verlauf der Komposition immer mehr durchsetzt. Bemerkenswert sind in beiden Stücken auch die Ansätze eines "Konzertierens" wechselnder Klanggruppen, das auf eine immanente Mehrchörigkeit hinzielt. Zu den vergleichsweise "modernen" Zügen zählt schließlich auch der Basso continuo, mit dem Herbst seine Motetten versieht.
Mit zwei lateinischen und zwei deutschen Psalmmotetten bieten die Cantiones sacrae knapp geformte Beispiele repräsentativer Motettentypen. Lediglich das zweite Stück, "Herr Jesu Christ, mein Gott und Herr", beruht nicht auf einem Psalmtext. Zwar klingt die Textzeile "Ob mir gleich Leib und Seel verschmacht" an Psalm 76, Vers 23 an, doch als Textgrundlage dient eine Kompilation aus Versen des in Schlesien wirkenden Liederdichters Martin Moller (1547-1606). Die Verse 3 bis 8 der Motette entstammen Mollers Nachdichtung von "Jesu dulcis rnemoria" (früher Bernhard von Clairvaux zugeschrieben) und bilden die vierte Strophe des Kirchenliedes "Ach Gott, wie manches Herzeleid" (EKG 286). Die beiden vorangestellten Verse sind der 2. Strophe von Mollers Lied "Hilf, Helfer, hilf in Angst und Not" (EKG 287) entlehnt. Für die Umstellung der Wortfolge zu "Herr Jesu Christ, mein Gott und Herr" mag der Schluss der ersten Strophe von "Herzlich lieb hab ich dich, o Herr" des seit 1585 in Nürnberg wirkenden Martin Schalling Anregung geboten haben.
© Peter Cahn 1990 / edition dohr
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- Cantiones sacrae (1623) für fünf Stimmen und Basso continuo (Orgel) Erstdruck (Manfred Fensterer) mit einem Vorwort von Peter Cahn
[Inhalt: Psalm 117: Lobet den Herren alle Heiden; Herr Jesu Christ, mein Gott und Herr; Psalm 122: Laetatus sum; Psalm 112: Beatus vir; Psalm 15: Herr, wer wird wohnen]
ISMN M-2020-1055-6
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