Pressestimmen
"In einem sorgfältig aufgemachten Band legt der in Dresden lehrende Musikwissenschaftler Michael Heinemann Texte aus dem Nachlass Hermann Aberts (1871-1927) vor, der in beiden Häusern der Staatsbibliothek zu Berlin verwahrt und nach der Fusion der Musikabteilungen wieder zusammengeführt wurde. Der gewählte Zusatz 'Bausteine zu einer Biographie' führt beinahe in die Irre. Freilich geht es um die ersten Textteile der nie mehr geschriebenen Bach-Biographie Aberts, eine Einleitung und ein ausgedehntes Kapitel zur musikalischen Vorgeschichte: die protestantische Kirchenmusik seit Luther und die stilistischen Umbrüche im Italien des 17. Jahrhunderts mit ihren Auswirkungen auf Komponisten wie Heinrich Schütz. Diese bald fünfzig Druckseiten bilden den Kern des Unternehmens. Aber der Terminus 'Bausteine' könnte genauso gut auf Hermann Abert selbst bezogen werden, denn der Herausgeber ordnet seine Dokumente auf zwei Ebenen an. Er präsentiert im ersten Teil des Buches Auszüge aus bisher unveröffentlichten Lebenserinnerungen, die sich auf Aberts Verhältnis zu J.S. Bach, auf seinen musikwissenschaftlichen Werdegang und sein Umfeld beziehen: besonders lebendig und ungeschminkt die Einschätzung der prominenten Zunftkollegen. Dem Nachgeborenen erschließen sich Zusammenhänge oft besser durch Memoiren und persönliche Anekdoten als durch trockene Lehrbücher!
Der dritte Teil vereinigt sieben schon zu Lebzeiten Aberts publizierte Studien zu Bach und dessen Wirkung. Sie helfen sicherlich bei der Rekonstruktion des Blicks auf den großen Forscher und sein unendliches Thema." (Karl-Ernst Went, in: Forum Musikbibliothek 1/2009, S. 58)
"Schon Carl Philipp Emanuel Bach sprach von 'unvermeidlichen Lücken' in den biografischen Dokumenten seines Vaters. Und schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts verhoben sich Hermann Kretzschmar, Werner Wolffheim und Arnold Schering bei dem Versuch, der Bach-Biografie von Philipp Spitta aus dem 19. Jahrhundert, die gemeinhin als überholt galt, etwas entgegenzusetzen. In den 1920er Jahren wagte Hermann Abert einen neuen Versuch, doch er kam über rund 80 Manuskriptseiten nicht hinaus, er starb mit nur 56 Jahren. Dass dieses Fragment jedoch durchaus lesenswert ist, zeigt Michael Heinemann, der in die Keller der Staatsbibliothek Berlin herabgestiegen ist und die Schrift erstmals publiziert. [...] Es ist unklar, ob sich auch Abert an dem Projekt einer neuen Bach-Biografie überhoben hatte. Zahlreiche andere Aufgaben und eine schwache gesundheitliche Verfassung vor seinem Tod machten den Abschluss unmöglich. Michael Heinemann gelingt es aber, durch Hinzuziehen von weiteren Dokumenten wie den Lebenserinnerungen Hermann Aberts und weiteren Arbeiten aus dessen Feder zu Bachs Werk im Leser eine Vorstellung zu wecken, was aus dem Versuch hätte werden können." (Frank Helfrich in: Der Pianist 03/2009, S. 45)
"Das Buch, das hier vorzustellen wäre, gibt es nicht. Hermann Aberts Bach-Biografie blieb ungeschrieben. Er konnte weder den monumentalen Bänden von Philipp Spitta ein aktuelles Standardwerk folgen lassen noch dem eigenen großen Mozart-Porträt etwas Vergleichbares an die Seite stellen. Der Tod hat das 1927 verhindert. Bausteine zu einer Biografie sind es auch nicht, die hier vorliegen, sondern allenfalls Mosaik-Steine für ein Bach-Bild. Stückwerk, das der Herausgeber ebenso wie die Autobiografie 'Aus meinem Leben' in Aberts Nachlass gefunden und zusammen mit früher veröffentlichten Texten nun zu einem Buch gefügt hat. Der Leser kann so den Ansätzen und Spuren Aberts folgen. Neugierig oder gespannt - auch ein Torso hat seine Reize! [...] Was er auf 50 Seiten - und das ist Aberts Buch! - unter geistesgeschichtlichen, musikhistorischen und ästhetischen Aspekten ausführt, das ergänzen und vertiefen die 'Bach-Studien' im dritten Buch-Teil. [...] Der erste Teil des Buchs - Auszüge aus Aberts Autobiografie - gibt wenig Aufschluss über seinen Zugang zu Bach. Doch er bietet neben Persönlichem auch allerhand vielsagende Betrachtungen zur Entwicklung und zum Methodenstreit in der deutschen Musikwissenschaft am Anfang des 20. Jahrhunderts - mit Hermann Kretzschmar und Hugo Riemann als Antipoden, auf deren Plätze Abert nachgerückt ist. Die Darstellung der eigenen wissenschaftlichen Entfaltung und Position nutzt er aber auch, um über Kollegen Urteile zu fällen und Andersdenkende zu diffamieren. Er liefert so ein Zeitbild mit einem großen Musikgelehrten und manchen kleingeistigen Ressentiments im Mittelpunkt. Lebendig und anschaulich ist es gezeichnet - wie er sein Bach-Buch wohl verfasst hätte." (Eberhard Kneipel in: Das Orchester 1/2009, S. 66)