|
|
|
|
Rolf Dietrich Claus: Zur Echtheit von Toccata und Fuge d-moll BWV 565. Verlag Dohr, 1. Auflage Köln 1995. 120 S. ISBN 3-925366-37-7. Der Fachmann hatte schon immer ein ungutes Gefühl bei dem wohl berühmtesten aller Orgelstücke, bei der "epidemischen" Toccata BWV 565. Wer auf stilvolle Programmgestaltung Wert legte, mied diesen Ohrwurm und überließ ihn den Produzenten von 08/15-CDs. Peter Williams hat die bis dahin schwelenden Zweifel an der Echtheit erstmals offen zur Sprache gebracht 1). Seine Violin-Transkriptionsthese konnte einige stilistische Merkwürdigkeiten erklären, führte in der Autorenfrage aber nicht weiter. Die Quellenkritik bringt in diesem Fall keine Aufschlüsse: alle erhaltenen Abschriften gehen auf eine einzige, nicht datierte Handschrift des Berliner Organisten Johannes Ringk (1717-1778) zurück, der als Schüler Johann Peter Kellners sowohl unzweifelhaft Echtes als auch nachgewiesenermaßen Unechtes unter dem Namen J.S. Bach überliefert hat.2) Der Hamburger Kirchenmusiker Rolf Dietrich Claus ist nun in die Rolle des kleinen Kindes aus dem bekannten Märchen geschlüpft, das die Blößen des Kaisers aller Welt vor Augen führt. Er entlarvt methodisch überzeugend BWV 565 als Produkt eines unbekannten Komponisten, "der aller Wahrscheinlichkeit der Generation der Söhne Johann Sebastian Bachs angehört". Auch er enthält sich weiterer Spekulationen hinsichtlich der Identität dieses Musikers. Auf jeden Fall verfügte die Orgel, die der Anonymus beim Komponieren im Sinn hatte, über das um 1730/50 noch seltene große Cis; augenscheinlich war er besser mit der zeitgenössischen Geigentechnik als mit den Regeln des Kontrapunkts vertraut. Rolf Dietrich Claus setzt den Hebel an der 'Sollbruchstelle' der wohl hartnäckigsten Selbsttäuschung der Bachliteratur an: über Generationen hinweg haben die Verfasser von Werkbeschreibungen mit dem Hinweis auf ein "Jugendwerk" sich selbst und ihre Leser über die eklatanten Mängel der Komposition hinweggetröstet. Minutiös wird nun nachgewiesen, daß gewisse Stilelemente (Unisoni, Fermaten, exzessiver Gebrauch von Tempobezeichnungen) erst Eingang in die kompositorische Praxis fanden, als Bach den Zenit seines Schaffens längst erreicht hatte. Für ein Werk aus Bachs reiferen Schaffensperioden weist die inkriminierte Toccata aber so viele kompositorische Schwachstellen auf, daß seine Autorschaft als absolut unhaltbar angesehen werden muß. Die 11 'Leitsätze' von Claus' Urteilsspruch lassen sich in aller Kürze komprimieren: Der Unisono-Beginn ist ohne Rezeption des neueren italienischen Stils nicht denkbar; Arpeggien dieser Art hat Bach nur bei Konzerttranskriptionen verwendet; Fermaten und Tempoanweisungen in diesem Umfang lassen sich in der Orgelmusik der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht nachweisen; die Verarbeitung des Materials ist ausgesprochen dürftig (Wiederholungen; Verzicht auf die modulatorische Potenz des verminderten Septakkords, auf formale Standards und fortgeschrittene kontrapunktische Techniken, Placebo-Kontrasubjekte, Gering- bzw. Einstimmigkeit). Nicht zu vergessen die archaisierende Kadenz mit Moll-Schluß. Das alles hätten frühere Forschergenerationen wissen können und zur Sprache bringen müssen. Insofern ist es gerechtfertigt, daß Claus einen Teil seiner Publikation einer kritischen Darstellung der bisherigen Echtheitsdiskussion widmet. In der beeindruckenden Liste der benutzten Literatur vermißt man freilich den Sammelband "Opera incerta" 3), in dem Klaus Hofmann, der Direktor des für die Neue Bach-Ausgabe federführenden Göttinger J.S. Bach Instituts, die Verantwortung für Echtheitsfragen ganz generell von der Editionspraxis auf die "Forschung" verlagert sehen wollte. Eben dies hat Claus anhand eines prominenten Beispiels getan, und er hätte in Hofmanns weiterer Argumentation scharfe Munition finden können. Hofmann wörtlich 4): "In bestimmten Fällen kann die Echtheit als biographisch unmöglich ausgeschlossen werden mittels folgender Argumentationsfigur: Ein Werk, das dem Zeitstil nach vor 1750 entstanden sein kann, aber stilistisch so modern ist, daß es mit Sicherheit nicht in Bachs Jugendjahre fällt, darf, wenn es echt sein soll, keine anfängerhaften handwerklichen Mängel aufweisen; pointiert ausgedrückt: Modern, aber dilettantisch Komponiertes ist unecht." 5) 1) Peter Williams: BWV 565: A toccata in D minor for organ by J.S. Bach? in: Early Music 9 (Juli 1981), S.330-337. (zurück) 2) Ob die Monographie von Russel Stinson: The Bach Manuscripts of Johann Peter Kellner and His Circle: A Case Study in Reception History, Durham N.C. 1989 hinsichtlich der Schreiberfrage neue Erkenntnisse birgt, läßt sich leider nicht sagen. Vergl. auch Stinsons Aufsatz "Ein Sammelband aus Johann Peter Kellners Besitz: Neue Forschungen zur Berliner Bach-Handschrift P 804", in: Bach-Jahrbuch 78 (1992), S.45-64. (zurück) 3) Klaus Hofmann: Bach oder nicht Bach? Die Neue Bach-Ausgabe und das Echtheitsproblem. Mit einem Beitrag von Yoshitake Kobayashi über "Diplomatische Mittel der Echtheitskritik." in: Opera incerta. Echtheitsfragen als Problem musikwissenschaftlicher Gesamtausgaben. Kolloquium Mainz 1988. Bericht (...) hg. von Hanspeter Bennwitz et al., Stuttgart 1991, S. 9-71. ISBN 3-515-05996-2. (zurück) 4) ebd., S.41 (zurück) 5) Nachdem Wolfgang Schmieder in der 1990 erschienenen, überarbeiteten Zweitauflage seines Bachwerkeverzeichnisses jegliche Echtheitszweifel an BWV 565 unterschlagen hat, bleibt abzuwarten, wie sich der seit Jahren mit Spannung erwartete Teil II des "Bach-Compendiums" aus der Affäre ziehen wird. (zurück) (M. H. - 14.7.1996) Quelle: http://buene.muenster.de/mom/mom96/bcn110a.htm (DL: 01.12.1998) Michael Hochgartz D-48159 Muenster
(Germany) |