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Arnold Jacobshagen /
Markus Leniger (Hgg.)

Rebellische Musik. Gesellschaftlicher Protest und kultureller Wandel um 1968, hrsg. von Arnold Jacobshagen und Markus Leniger unter Mitarbeit von Benedikt Henn (musicolonia, Bd. 1). 320 S., Notenbsp., Register
ISBN 978-3-936655-48-3
EURO 39,80

Inhalt

Vorwort

I. Avantgarde

Gianmario Borio: Avantgarde als pluralistisches Konzept. Musik um 1968

Dörte Schmidt: "Haben wir mit dem Radikalismus nur geflirtet?" Hermann Nitschs Orgien Mysterien Theater als musikalisches Theater und die Krise der Repräsentation

Sabine Ehrmann-Herfort: Luciano Berio: die amerikanischen Jahre. Neue Konzepte des musikalischen Theaters in bewegter Zeit

Björn Heile: Avantgarde, Engagement und Autonomie. Mauricio Kagel in den sechziger Jahren

Caroline Lüderssen: Luigi Nonos und Giacomo Manzonis Musiktheater. Politisches Engagement im Zeichen Gramscis

Arnold Jacobshagen: Musica impura. Der langwierige Weg in die Wohnung der Natascha Ungeheuer von Hans Werner Henze und die Berliner Studentenbewegung

Kailan R. Rubinoff: Between "Old Left” and "New Left”. The Notenkrakersactie and its implications for the Dutch Early Music Movement

II. Populäre Musik

Christophe Pirenne: Utopia as a form of protest. The case of progressive rock

Rainer Dollase: Rezeptionseinstellungen zur Rock- und Jazzmusik nach 1968

Andreas Kühn: Musik in der Lebenswelt der maoistischen K-Gruppen

Peter Schleuning: "Hoch die rote Note!“ Eine linke Blaskapelle um 1970

Holger Böning: Die Anfänge musikalischen Protests in der Bundesrepublik und der DDR. Ausländische Einflüsse im politischen Lied

Daniel Koglin: Gesänge der Ungehorsamen. Der Weg des griechischen Rebetiko von der Unterwelt in den Untergrund

Emanuela Abbadessa: Lui e lei: A new woman’s identity and the rewritten male-female relationship in the musical imagery of Francesco Guccini

Elena Müller: Vom Kriminellen- über das Laien- zum Autorenlied. Die Musik der russischen Tauwetterzeit aus heutiger Perspektive

Stephanie Schmoliner: Resignation oder Rock’n’Resistance? Zum Stellenwert von Musik und sozialen Bewegungen um 1968

Ramón Reichert: Inszenierungen des Protestsängers. Direct Cinema, Musikfilm und Popular Music

Nina Polaschegg: Emanzipation im Jazz – Emanzipation vom Jazz. Die Entwicklung des Free Jazz und der improvisierten Musik im Kontext von 1968

III. Religion

Peter Hahnen: Gesungene (Kirchen-)Reform? Das Neue Geistliche Lied und sein Programm

Daniela Philippi: Aufbruch zur Neuen Musik in der Kirche oder der Ruf nach Wahrheit. Die ästhetischen Positionen der Reihe neue musik in der kirche / Wochen für geistliche Musik der Gegenwart 1965–1983

Clytus Gottwald: Der religiöse Aufruhr in der Musik

Über die Autoren

Personenregister


Ausgehend von einer Historisierung der Ereignisse und von der Anwendung kulturwissenschaftlicher Methoden und Fragestellungen können die Studenten- und Protestbewegungen um 1968 neu bewertet werden. Zeigten ihre kulturellen Praktiken auch jenseits der rasch erodierenden ideologischen Fundamente nachhaltige Wirkungen, so erweist sich der "Mythos 1968" als Kulminationspunkt von langfristigen politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen, die bereits um die Mitte der 1950er Jahre einsetzten und bis in die 1970er Jahre reichten. Sie lassen sich, in Anlehnung an die Vorstellung vom "langen 19. Jahrhundert", mit dem Begriff der "langen 1960er Jahre" beschreiben. Die Beiträge des vorliegenden Bandes gehen den musikalischen Entwicklungen dieser Epoche im Bereich der experimentellen Avantgarden, der Rock- und Pop-Musik, des Jazz, des politischen Liedes und der geistlichen Musik nach.

Der Band wurde gefördert durch die Thyssen-Stiftung Köln.

Pressestimmen

[...] Nun liegen zwei Publikationen vor, die sich dem bislang vernachlässigten Thema „Musik und 1968" widmen. Trotz unterschiedlichem Erscheinungsbild der Bände gingen sie aus gemeinsamer Quelle hervor: Sie können als Kongressberichte zweier interdisziplinärer wissenschaftlicher Tagungen betrachtet werden, die die Katholische Akademie Schwerte in den Jahren 2005 und 2006 ausgerichtet hatte. Beide Veranstaltungen wurden von den Herausgebern geleitet.
Das Buch von Jacobshagen und Leniger unterteilt das Untersuchungsfeld in drei Hauptkapitel: 'Avantgarde', 'Populäre Musik' und 'Religion' und versammelt darin die Texte von 22 Autorinnen und Autoren. [...]
Das Ziel, einen spartenübergreifenden Querschnitt zu bieten, der die Veränderungen musikalischer Institutionen aufzeigt, die Entwicklungen der Avantgarde-Musik schildert, den gesellschaftlichen Kontext in Teilbereichen analysiert und die Einflüsse offenlegt, die bis in die konservativ-klassische Musikszene reichen, ist in beiden Büchern bestens gelungen.
Die kultur- und musikwissenschaftlichen Konventionen, denen die Beiträge auf hohem Niveau folgen, behindern dabei keineswegs die Lesbarkeit. Die Lektüre der Bände macht Spaß, mit ihrer Herausgabe (und den vorausgehenden Tagungen) ist ein längst fälliger Schritt getan, der den Diskurs in vorbildlichster Weise eröffnet hat." (Manfred Miersch, in: Forum Musikbibliothek 4/2008, S. 362f.)

"Gesellschaftlicher Protest und kultureller Wandel zeichneten die Jahre um 1968 aus. 'Rebellische Musik' beleuchtet – wie der Name schon sagt – diese stürmische Zeit von der akustischen Seite.
1968 war ein sehr bewegendes Jahr: Für viel Aufruhr sorgten die etlichen Studenten- und Protestbewegungen. Begonnen haben die kulturellen und gesellschaftlichen Umwälzungen schon in den 50ern und sollten noch bis in die 70er Jahre reichen. Musik spielte hierbei eine zentrale und einschneidende Rolle. Sei es aus dem Bereich der experimentellen Avantgarde, der Rock- und Pop-Musik, des Jazz, des politischen Liedes oder der geistlichen Musik – die musikalischen Entwicklungen umfasste alle Genre und Stile und war zugleich Ausdruck der gefestigten Ideologien und der neuen Ansichten.
Arnold Jacobshagen und Markus Leniger fassten in dem, im Dohr-Verlag erschienenem Buch „Rebellische Musik“ zahlreiche Texte, Analysen und Studien über die musikalischen Sachverhalte und Entwicklungen jener Zeit. Thematisch gruppieren sich die Beiträge unter den Übertiteln 'Avantgarde', 'Populäre Musik' und 'Religion'. Im ersten Teil befassen sich die Autoren hauptsächlich mit Musik aus den Theatern. Betrachtungsweisen über Hermann Nitschs Orgien Mysterien Theatern bis hin zu Hans Werner Henze.
Die Form des Protests, die der progressive Rock angenommen hat, die Meinungen und Kritiken über die Rock- und Jazzmusik sowie eine „linke Blaskapelle“ finden im Mittelteil in den Texten Platz. Ebenso gerät die DDR-Musik wie Untergrund-Musik ins Interesse. Der letzte Teil enthält Beiträge zu den musikalischen Reformen in der sakralen Musik.
Jacobshagen und Leniger haben ein Buch heraus gebracht, das durch Wissenschaftlichkeit und Klarheit besticht. Aufgrund der Themenvielfalt sowie der gemäßigten Ausdrucksweise der Autoren liest sich der Band trotz höchster wissenschaftlicher Qualität ausgesprochen gut. Sehr lobenswert ist die Tatsache, dass dieses Buch in hohem Maße stiefmütterlich behandelte Themen in den Vordergrund rückt. Für Musikliebhaber, Musikstudenten und Gesellschafts-Interessierter wärmstens zu empfehlen!" (vienna online)

"Das Phänomen '1968' ist in der musikwissenschaftlichen Literatur bislang nur sehr einseitig behandelt worden. Primär finden die gesellschaftlichen Umbrüche der 1960er Jahre in der Auseinandersetzung mit der Populären Musik große Beachtung. Die dazu erhältlichen Beiträge sind den Ereignissen dieser Zeit jedoch zu nahe stehend, als dass von einer wissenschaftlichen Ebene gesprochen werden kann. In erster Linie sind es Veröffentlichungen von Zeitzeugen, die aufgrund ihrer persönlichen Verwicklung zu einer subjektiven Darstellung neigen. Die Vielfalt der damaligen politischen und soziokulturellen Veränderungsprozesse in Europa und darüber hinaus wird nur unzureichend repräsentiert. Es ist Zeit für eine wissenschaftliche Neubewertung der damaligen Ereignisse bzw. für eine Anwendung neuerer kulturwissenschaftlicher Methoden und Fragestellungen.
Unter dieser Zielsetzung leiteten Arnold Jacobshagen und Markus Leniger (die Herausgeber dieses Bandes) gemeinsam mit Beate Kutschke vom 13. bis 15. Januar 2006 die interdisziplinäre wissenschaftliche Tagung '1968: Musikkulturen zwischen Rebellion und Utopie' an der Katholischen Akademie Schwerte. Pünktlich zum 40-jährigen Jubiläum erschienen, vereint der vorliegende Band die Beiträge der Fachtagung. Er ist der Auftakt für die neue wissenschaftliche Schriftenreihe 'musicolonia' an der Hochschule für Musik Köln.
Das Buch gliedert sich in die drei Themenkomplexe Avantgarde, Populäre Musik und Religion, von denen die Beiträge über die Populäre Musik quantitativ den größten Anteil haben. Hierbei finden bereits in der Literatur zuhauf thematisierte Massenphänomene wie das Open-Air Festival Woodstock wenig Berücksichtigung. Die Autoren konzentrieren sich vorrangig auf nationale soziokulturelle Entwicklungen (z. B. Daniel Koglins Beitrag 'Gesänge des Ungehorsamen. Der Weg des griechischen Rebetiko') oder auf Musikströmungen, die bereits zurzeit ihres Entstehens nur in den seltensten Fällen eine breite Öffentlichkeit erreichen konnten (hier sei z.B. auf Nina Polascheggs gelungene Betrachtung 'Emanzipation im Jazz – Emanzipation vom Jazz. Die Entwicklung des Free Jazz und der improvisierten Musik im Kontext von 1968' verwiesen). Die Beiträge zur Avantgarde widmen sich musiktheatralischer Experimente, die trotz der Verschiedenheit ihrer Ansätze zumeist eines gemeinsam haben: Ziel der Musikschaffenden dieser Zeit war es, die bestehenden Normen zu brechen und die Parameter von Musikmachen und -hören neu zu bestimmen. Die Komponisten strebten dabei weniger eine politische Einflussnahme an, sondern kritisierten die Aufrechterhaltung bestehender kulturästhetischer Normvorstellungen. Hans Werner Henzes 'Der langwierige Weg in die Wohnung der Natascha Ungeheuer' (Beitrag von Arnold Jacobshagen) ist diesbezüglich eines der relativ wenigen Beispiele von Werken der Neuen Musik, das in direktem Bezug zu einer politischen Bewegung steht. Es entstand unmittelbar aus dem Kontext der Studentenbewegung und nimmt zugleich wesentlichen Bezug auf diese.
Den kleinsten aber nicht minder wichtigen Anteil nimmt der Bereich der geistlichen Musik ein. Im Zuge der Reformbestrebungen des Zweiten Vatikanischen Konzils etablierte sich das Neue Geistliche Lied, das mit seinem befreiungstheologischen, inkulturierenden Impetus über ein erhebliches identitätsstiftendes Potenzial verfügte und somit laut Peter Hahnen nicht in der Auseinandersetzung mit Musikkulturen zwischen Protest und Utopie nach 1968 fehlen darf. Es soll nicht der Versuch unternommen werden, die Positionen der Autoren auf einen einzigen gemeinsamen Nenner zu führen. Aber ganz allgemein gesprochen zeichnen sich durchaus zwei Tendenzen ab:
Erstens, dass die Musik vorrangig gegen die bestehenden kulturellen Institutionen rebellierte und allenfalls im weiteren Zusammenhang politische Impulse setzte. Sie war zwar integraler Bestandteil der kulturellen Identität und stärkte das kollektive Zusammengehörigkeitsgefühl, so heterogen und zersplittert die Interessengruppen dieser Zeit auch gewesen sein mögen. Aber es wäre vermessen, sie als treibenden Motor der Erneuerungsbestrebungen zu verstehen. Stephanie Schmoliner weist beispielsweise darauf hin, dass es den Rolling Stones 1968 durch ihren Song 'Street fighting man' gelang, Tausende für Demonstrationen zu gewinnen. Aber auch hier deutet sich an, so die Autorin, dass die Faktoren, die 'Street fighting man' als politische Musik erscheinen ließen, nicht in erster Linie musikalische waren, sondern von den historischen Umständen geprägt wurden.
Zweitens, dass das Jahr 1968 sich als Kulminationspunkt von langfristigen, politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen erwies, die bereits um die Mitte der 1950er Jahre einsetzten und bis in die 1970er Jahre reichten.
Erfreulich ist die durchgängige Qualität der Beiträge, die bei einer Beitragssammlung durchaus nicht selbstverständlich ist. Trotz der wissenschaftlichen Ausrichtung gelingt es den Autoren zumeist, die Zugänglichkeit für den Leser nicht außer Acht zu lassen. Einen besonderen Anreiz bietet die innere Verlinkung der Beiträge, die zum weiteren Lesen nochmals motiviert. Natürlich kann nicht der Anspruch gestellt werden, dass hier die Konsequenzen der 68er Kulturrevolution in seiner Gesamtheit berücksichtigt werden. Die Beiträge verweisen vielmehr auf die Heterogenität und auch Ambivalenz dieser Zeit, deren Unerschlossenheit in der Forschung eher als Chance verstanden werden sollte. Das Buch ist somit eine gelungene Auswertung der interdisziplinären Tagung und bietet zahlreiche Perspektiven, an die sich weitere Recherchen anschließen lassen." (Christian Chur, in: Die Tonkunst, Oktober 2008, S. 524f.)

aktualisiert Donnerstag, 5. März 2009
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