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Mit der Chorphantasie „Das Dunkle Reich“ (1929/30) schuf Hans Pfitzner (1869-1949) ein „literarisches Requiem“ im Angedenken an seine 1926 verstorbene Frau Mimi. Obwohl das Werk anerkanntermaßen zu den modernsten und ergreifendsten Partituren Pfitzners gehört, ist es wie Pfitzners Schaffen generell nur selten in Konzerten zu hören. Ressentiments hat es wegen der selbst heute noch nicht restlos aufgeklärten Stellung Pfitzners während des Nationalsozialismus gegeben. Immer wieder wurde von den Lagern der Gegner und Freunde belastendes oder entlastendes Material gesammelt und der jeweils anderen Seite vorgehalten. Selbst fünfzig Jahre nach dem Tode Pfitzners drohen die Debatten über Persönlichkeit und Weltsicht des Komponisten die Sicht auf sein Werk zu verstellen. Die vorliegende Studie weicht den angesprochenen Problemen zwar nicht aus, stellt die Musik Pfitzners jedoch erklärtermaßen in den Vordergrund. Im Zentrum steht eine bis in die Tiefen der Komposition vordringende musikalische Analyse der Chorphantasie. Neben einer Beleuchtung von Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte bietet sie interdisziplinäre Denkanstöße im bislang wenig untersuchten schaffenspsychologischen Thema „Komposition unter Verlusterfahrungen“.
Inhalt:
1. Einleitung 7
2. Hans Pfitzner Notizen zu Leben und Werk
2.1. Ein knappes Persönlichkeitsprofil 11
2.2. Parteigänger oder Unpolitischer?
Zu Pfitzners umstrittener Stellung im Nationalsozialismus 14
2.3. Versuch einer Einordnung in die Musikgeschichte 19
2.4. Überblick über Pfitzners Schaffen 21
3. Zur Entstehungsgeschichte der Chorphantasie 29
4. Fantasie ein Panorama
4.1. Zum Begriff der Fantasie in der Musik 35
4.2. Hans Pfitzner und die Fantasie
4.2.1. Einfallsästhetik und Schaffenspsychologie 38
4.2.2. Fantasien von Pfitzner 41
Exkurs: Die Chorphantasie eine Gattung? 42
5. Komposition unter dem Eindruck von Verlusterfahrungen 45
6. Analytischer Teil
6.1. Vorbemerkung 53
6.2. Zu den Texten 56
6.3. Zur Besetzung 71
6.4. Zur Gesamtkonzeption: Ein Überblick 73
6.5. Einzelanalysen
6.5.1. Chor der Toten 75
6.5.2. Schnitterlied 90
6.5.3. Tanz des Lebens 102
6.5.4. Chorspruch 117
6.5.5. Gretchen vor der Mater dolorosa 124
Exkurs: Das Gebet Gretchens in anderen Vertonungen 135
6.5.6. Fugato und Chor 138
Exkurs: Der Gesang der Todten als Klavierlied 152
6.5.7. Scheiden im Licht. 154
6.5.8. Chor der Toten II 165
6.6. Satzübergreifende Betrachtungen
6.6.1. Vorbemerkung 167
6.6.2. Grundsätzliches zur Relation von Wort und Ton 168
6.6.3. Zu Harmonik und Satztechnik 169
6.6.4. Tonmalerei 172
6.6.5. Themen und Motive 173
6.6.6. Gedanken zur Tonartencharakteristik 174
6.6.7. Zur Form 179
6.6.8. Zur Orchester- und Chorbehandlung 181
6.6.9. Pfitzners Technik der Übergänge 183
6.6.10. Kleine Zusammenfassung 185
Exkurs: Das Orchesterlied Lethe 185
7. Versuch einer Einordnung 187
8. Zur Rezeptionsgeschichte
8.1. Vorbemerkung 193
8.2. Aufführungen von der Uraufführung bis zu Pfitzners Tod 193
8.3. Die Rezeption nach Pfitzners Tod 196
8.4. Einspielungen auf Tonträger 197
8.5. Zum Problem der Ergänzung im Konzertprogramm 199
9. Zum Beschluss 203
Anhang
Literatur- und Quellenverzeichnis 205
Die Dichtungen 210
Tab. I: Kompositionen unter Verlusterfahrungen 212
Tab. II: Liste der Auff. und Einspielungen 214
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Pressestimme
"Der genaue, mit Bedacht formulierte Titel des Werkes, das dem allgemeinen musikalischen Bewusstsein entschwunden ist, lautet: 'Das dunkle Reich Eine Chorphantasie mit Orchester, Orgel, Sopran und Bariton-Solo, unter Benutzung von Gedichten von Michelangelo, Goethe, C. F. Meyer und R. Dehmel von Hans Pfitzner op. 38.' Pfitzner reiht die Namen der Dichter chronologisch, J. P. Vogel in seiner bekannten Monographie später alphabetisch. Ginge es nach ihrer Bedeutung für das vorliegende Werk, so müsste, trotz des Gewichts der im Zentrum stehenden einzelnen Dichtungen Goethes und Michelangelos, primär der Name Conrad Ferdinand Meyers stehen, denn als Ganzes stellt sich das Werk doch als Schlussglied der Reihe der außerordentlichen Vertonungen von Versen dieses Dichters dar: 'Vier Lieder op. 32', 1923; 'Lethe op. 37', 1926; 'Das dunkle Reich op. 38', 1929 ('Chor der Toten' als erster und letzter, 'Schnitterlied' als zweiter Satz zugehörig der rein instrumentale 'Tanz des Lebens' 'Scheiden im Licht' als vorletzter Satz). Es wäre lohnend, vor allem auch und gerade wegen der geistigen Grundlagen dieser Dichtungen, sie im Zusammenhang zu betrachten und ihre Besonderheit herauszuarbeiten. (Es gibt meines Wissens nur eine einzige hochrangige Komposition eines Gedichts von C. F. Meyer vor Pfitzners Liedern op. 32: Schönbergs Chor 'Friede auf Erden' op. 13, 1907. Sie verdankt sich dem selben Streben nach uneingeschränkt hohem Stil.)
Die vorliegende Arbeit gibt immerhin willkommenen Anlass, sich des im Jahr 1929 komponierten, aber gleichwohl zeitfernen Werkes zu erinnern. Es bezeugt, auch in seinem musikalischen Reichtum, die Endphase des Zeitalters der Kunstreligion. Um es in angemessener Weise aufnehmen zu können, bedarf es wohlwollender innerer Geneigtheit. Pfitzner selbst nannte es gelegentlich sein poetisches Requiem; da es ein deutsches ist, folgten sofort (dem Komponisten ärgerliche) Vergleiche mit Brahms. Sie erbrachten wenig genug; Vergleiche mit anderen 'Phantasien' oder 'Chorphantasien' gar nichts. In der vorliegenden Arbeit wird noch der Versuch unternommen, Werke (oder Teile von Werken), die sich einer privaten 'Verlusterfahrung' verdanken, zusammenzustellen. Aber die doch im ganzen 20. Jahrhundert alles belastende Erfahrung von Schuld, Reue, Leiden, Leid und Tod, die hier künstlerische Gestalt gewinnen, bedürften anderer Darstellungsmittel als der hier verfügbaren. Immerhin gibt der Autor brauchbare musikalische Analysen, die einen Überblick ermöglichen, und so auch das tiefere Eindringen in das reiche Werk erleichtern. (Rudolf Stephan in ÖMZ 02/07, S. 72)
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