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Hermann Conen (Hg.)

Arvo Pärt. Die Musik des Tintinnabuli-Stils. Herausgegeben von Hermann Conen. Mit Beiträgen von Hermann Conen, Leopold Brauneiss, Paul Hillier und Andreas Peer Kähler.
202 S., zahlreiche Notenbeispiele, Werkverzeichnis (Stand: Oktober 2006), Werk- und Namenregister, Kurzbiographien. Hardcover.
ISBN 978-3-936655-33-9
EURO 34,80


(Cover anklicken zum Vergrößern)

Obwohl Pärts Musik nunmehr seit Jahrzehnten weltweite Verbreitung gefunden haben, ist er der bekannteste Unbekannte unter den zeitgenössischen Komponisten geblieben. So schnell erreichbar seine Musik geworden ist, so rätselhaft blieben die Gründe und Hintergründe seiner Poetik.
So schießen in der Musikpublizistik die simplen (und selten gut gemeinten) Etikettierungen ins Kraut, vom "antimodernen Naiven" bis zum "New Age-Apostel". Für den schnellen Zugriff bleibt Pärt jedoch weiterhin nicht zu fassen.
Nach langer Vorbereitung legt Hermann Conen hier die erste deutschsprachige Monographie zur Musik des Meisters aus Estland vor. Auf 200 Seiten unternehmen ausgewiesene Experten Tauchfahrten in die Tiefe des Tintinnabuli-Stils.

Inhalt:

A: Einführung

  • Conen: "Warum ein Buch über solche Musik?"
  • Conen: Zur Einführung

B: Theorie und Analyse

  • Conen: Annäherung an den Kern der Musik - Systematische Anmerkungen zur Poetik Arvo Pärts
  • Brauneiss - Conen: Kurzgefasste Grundlagen der Satztechnik
  • Brauneiss: Pärts einfache kleine Regeln. Die Kompositionstechnik des Tintinnabuli-Stils in systematischer Darstellung

C: Aufführungspraxis

  • Hillier: Bemerkungen zur Aufführungspraxis der Chorwerke Arvo Pärts
  • Kähler: Vom Strahlen in der Stille - Die Musik Arvo Pärts aus der Perspektive des (Instrumental-) Musikers

D: Anhang

  • Register, Diskographie, Werkverzeichnis (Oktober 2006), Kurzbiographien

Pressestimmen

"Der von Hermann Conen herausgegebene Beitragsband beschäftigt sich mit Arvo Pärts Werken im Tintinnabuli-Stil, wobei es das laut Herausgeber hauptsächliche Anliegen des Buches ist, 'handfestes Wissen über die Musik des Tintinnabuli anzubieten und damit den Diskurs auf Grundlagen zu stellen, die aus der Musik selbst gewonnen wurden' (S. 14). Arvo Pärts Tintinnabuli-Stil prägte ab 1976 sein Komponieren, 'die Abkehr von der Dodekaphonie und Hinwendung zur Tonalität, die (auch schon im früheren Werk praktizierte) strikte Einforderung und Reduktion auf einfachste Prozesse, und als wichtigste stilbildende Eigenschaft die charakteristische Verbindung von Melodie- und Dreiklangsstimme(n)' (S. 25) bilden hierbei den Bezugsrahmen. Die beiden längsten Beiträge sind vom Herausgeber Hermann Conen und von Leopold Brauneiss verfasst. Beide Autoren gehen von der Auffassung aus, dass Pärt Regelwerke prädisponiert, die den Verlauf des jeweiligen Werkes vollständig determinieren. Damit kann Pärts Tintinnabuli-Stil als Weiterführung seiner frühen seriellen Phase angesehen werden. Diese These wird durch eine Reihe von Beispielen aus Pärts Werk eindrucksvoll belegt und zu einer Systematik ausgebaut. Insgesamt werden - wenngleich auch manches Mal unfreiwillig - die Desiderate innerhalb der Forschung über Arvo Pärt gezeigt, was aber die eigentliche Leistung des Buches nicht mindert, den 'kompositorischen Quellcode' des Tintinnabuli-Stils offengelegt zu haben. Zwischen diesen beiden großen Beiträgen steht ein kleiner vierseitiger Beitrag beider Autoren zu den 'Grundlagen der Satztechnik', der ohne die Lektüre des Beitrags von Brauneiss nur schwer zu verstehen ist und daher wohl eher zum späteren Nachschlagen dient.
Der Beitrag des Herausgebers nimmt den Löwenanteil des Buches ein (S. 9-98). Conens explizit diskursiver Zugang wird dem Gegen­stand insofern gerecht, als er allzu offensichtliche und einfache Interpretationswege (zumeist diejenigen der bestehenden Literatur) zu hinterfragen sucht. Der in der Literatur über Pärt oft geäußerte Vorwurf des Innovationsmangels und des fehlenden Kunstcharakters dieser Musik wird durch Conens Ansatz im Vornherein mit dem Postulat unterbunden, "dass die Musik des Tintinnabuli in ihrem Kern nicht die Entfaltung der innermusikalischen Potentiale zum Ziel hat, sondern - zunehmend über die Jahre und heute fast ohne Ausnahme - eine ritualisierte musikalische Lesung des christlichen Wortes" (S. 20). In diesem größeren Kontext analysiert Conen dann auch Pärts 'Miserere'; diese Abschnitte sind durch einen serifenlosen Schrifttyp als Einschübe gekennzeichnet. An Conens weiteren Ausführungen ist zu bemängeln, dass der Autor seine detailreichenanalytischen Beobachtungen durch Pärts Selbstaussagen leiten lässt; die Analysen dienen in solchen Fällen letztlich dazu, die Deutungshoheit des Komponisten zu untermauern. [...]
Einen ungleich überzeugenderen Eindruck hinterlässt dagegen Leopold Brauneiss' Beitrag "Pärts einfache kleine Regeln", der sich auf satzanalytische Fragen beschränkt. Brauneiss macht keinen Hehl aus der Unmöglichkeit, eine komplette Poetik zu schreiben. Trotzdem deckt er ein System von kleinen Regeln auf, die in ihrem Kombinationsreichtum ein facettenreiches und lebendiges Bild des Tintinnabuli-Stils Pärts geben.
Unter dem Abschnitt "Aufführungspraxis" finden sich kürzere Beiträge von Paul Hillier und Andreas Peer Kähler, die die Chor- bzw. Instrumentalmusik des Tintinnabuli-Stils unter aufführungspraktischen Bedingungen beleuchten. Die beiden Beiträge runden das Bild des Bandes gut ab, zumal sie den Tintinnabuli-Stil sehr konzise unter dem jeweiligen Praxisbezug erörtern. Der Anhang versammelt neben den obligatorischen Registern eine Diskographie der Tonträger mit Pärts Beteiligung und ein zusätzliches Werkregister mit Uraufführungsdaten.
Insgesamt ist zu sagen, dass das Buch durch seine schiere Informationsfülle und Systematik ein Desiderat ausgefüllt hat, jedoch in puncto Interpretationsmöglichkeiten sicher noch viel Spielraum für weitere Forschungsarbeiten offen lässt. Conen und Brauneiss beweisen eindrucksvoll, dass die Beschäftigung mit dem Tintinnabuli-Stil Arvo Pärts sehr fruchtbar sein kann.
Das Buch ist mit Fadenbindung und festem Einband sehr schön ausgestattet, das angenehme Schriftbild und eine große Zahl an übersichtlich annotierten Notenbeispielen laden zur vertiefenden Lektüre ein." (Knut Holtsträter in: Die Musikforschung 4/2008, S. 419ff.)

"[...] wenn das Faszinosum Pärt nicht mehr loslässt, für den gibt es ein – allerdings sehr anspruchsvolles Buch – über seine Musik. Arvo Pärt (*1935) schrieb ab 1976 im Tintinnabuli-Stil (Glöckchen-Stil).
Grundlegendes Kompositionsprinzip: tonale Grundhaltung basiert längere Zeit auf einem Dreiklang; Grundmaterial: (mindestens) eine melodische Stimme, eine Stimme mit Dreiklangsbewegung innerhalb derselben Tonalität, eine Bordun-Stimme.
Einfache klare Regeln garantieren also – und dies ist nicht nur in der Musik so – perfekte Ästhetik, mithin 'Weltharmonie'. In Conens Buch finden sich viele Beiträge zur Pärt-Musik, so auch von Paul Hillier. Ist es den Autoren zu verdenken, dass ihnen eine gewisse Distanz zum Objekt resp. Subjekt fehlt? Wir meinen 'Nein', denn Pärts Musik löst Emotionen aus. So wird sich dieses Buch noch lange auf unseren Schreibtischen finden, um dem quasi-philosophischen Ansatz höchster Musikästhetik in Theorie und Praxis (so die teile des Buches) auf die Spur zu kommen. Und das Sloterdijksche Bonmot 'Verständlichkeit ist die Freundlichkeit der Philosophen' wird zumindest beim zweiten Lesen eingelöst. Unverzichtbar!
Werbeslogan: 'Wohlklangerforschungsmeisterwerk!'" (Das dosierte Leben Numero 60/Reh-Zensionen [Beilage] o. S.)

"Arvo Pärts Musik hat sich dank seiner kompositorischen Konsequenz und des Einsatzes namhafter Interpreten seit Ende der 1970er Jahre von einem Nischenprodukt zu einer festen Grösse im Musikbetrieb entwickelt, und ihr Publikum umfasst auch Kreise, die sonst kein Interesse an ‚neuer’ oder überhaupt ‚klassischer’ Musik haben. Auf Seite der Interpreten ist verstärkt eine Verbindung zur sogenannten ‚alten’ Musik spürbar.
Da scheint es an der Zeit zu sein, dass - nach der grundlegenden Monografie von Paul Hillier von 1997 - auch auf Deutsch ein Buch erscheint, das sich bemüht, ein möglichst umfassendes Bild der Kompositionstechnik Pärts zu entwerfen. An zentraler Stelle stehen lange Aufsätze von Hermann Conen und Leopold Brauneiss, die sich detailliert analytisch mit seinem ‚Tintinnabuli’-Stil beschäftigen und sogar eine Tonsatzlehre dafür entwickeln; daneben wirken die aufführungspraktischen Hinweise von Paul Hillier und Andreas Peer Kähler kurz und nicht sehr gewichtig.
Es ist kaum anzunehmen, dass sich der durchschnittliche Pärt-Hörer in dieser Weise mit seiner Musik wird beschäftigen wollen. Für das Dozenten- und Studentenpublikum an Musikhochschulen andererseits dürfte das Thema noch immer zu weit vom gängigen Repertoire im Tonsatz- und Analyseunterricht entfernt sein. Als Zielgruppe der Publikation bleibt also wohl die wachsende Zahl von Chorleiterinnen und Chorleitern, die es wagen, auch im semiprofessionellen oder Amateurbereich einmal ein Werk von Part einzustudieren: für solche Unternehmungen bietet der Band gutes Material zur Einarbeitung in den Stil." (Martin Skamletz in: Schweizer Musikzeitung 12/2007)

"Mit dem kleinen Klavierstück 'Aliinale' (Für Alina) begann 1975 eine neue und bis heute währende Phase im Schaffen Arvo Pärts. Sein Wasserzeichen ist seither ein glockennaher Klanggrund aus einfachsten Melodiezügen über einem Bordun, umrankt von Tönen eines einzigen Dreiklangs. Jener 'Stille-Musik' vor allem verdankt der estnische Komponist seinen (nicht unangefochtenen) Kultstatus. Wie geschaffen zur Polarisierung der Hörer nämlich bedienen seine Partituren einerseits einen breiten Markt von Hörern, die in dem bärtigen Esten einen neuen Guru suchen. Andererseits hat sich seit Pärts Proklamation des Tintinnabuli-Stils (lateinisch 'tintinnabulum' = Glöckchen) der ästhetische Widerstand all jener formiert, die zu ver­nehmen glauben, was hier die Stunde geschlagen hat: Abschied vom Komponieren als einer Arbeit in geistfähigem Material.
Dass in Pärts Werken, die seit drei Jahrzehnten ausnahmslos der geistlichen Musik zuzuschlagen sind, ein Geist ganz anderer Art weht, ist in vielen neueren Arbeiten eingehend untersucht und vor allem mit theologischen und philosophischen Referenzen beglaubigt worden. In stärkerem Maße als andere Studien zu diesem Gegenstand geben die Beiträge des vorliegenden Bandes der Sache selbst - sc. der notierten und zu vernehmenden Musik - die Chance, ihre Botschaft an den Hörer selbst, und das heißt ohne missionarische Nachhilfe beflissener Deuter zu vermitteln.
Hermann Conen fokussiert seine 'Annäherung an den Kern der Musik' auf die innermusikalische Darstellung, befragt die Reißfestigkeit der etablierten musiktheoretischen Nomenklatur im Blick auf Pärts Œuvre und die Formelhaftigkeit seiner Werke. Leopold Brauneiss spürt 'Pärts kleinen Regeln' nach, wobei naturgemäß die Tonhöhenbeziehungen besonders im Blickpunkt stehen.
Mit dem Chordirigenten Paul Hillier wurde einer der prominentesten Exegeten der Musik Arvo Pärts zur Mitarbeit gewonnen, der sich eine ebenso instruktive wie knappe Darstellung der kompositorischen Vita verdankt. Mit seinem Schlaglicht auf das Verhältnis der beiden Basisstimmen in Pärts Tonsatz führt Hillier den Leser ins Zentrum der Pärtschen Poetik.
Aus der Sicht des Orchesterdirigenten schließlich hat Andreas Peer Kähler das 'Strahlen in der Stille' dieser Musik thematisiert, indem er sich über poesievolle Bilder der Poetik Pärts nähert. Dass diese Poetik sich im objektiven Charakter der musikalischen Konstruktion manifestiert, sollte die Parteien des Pro und des Contra gleichermaßen nachdenklich stimmen.
Fasst man die genannten Beiträge dieses redaktionell vorzüglich betreuten Bandes zusammen, dann heißt ihre Botschaft: Arvo Pärts Musik ist eine Musik des Verzichts. Solcher Verzicht aber kann dem wissenden Hörer zum Gewinn werden: Die Wüste lebt!" (Peter Becker in: Neue Zeitschrift für Musik Heft 2/2007, S. 90)

"Hermann Conen geht nach der Klärung des Begriffes Tintinnabuli-Stil so behutsam wie ausführlich auf Pärts Arbeitsweise ein, die er exemplarisch an Pärts 'Miserere' darstellt. Er bestimmt die musikgeschichtlichen Wurzeln dieser Prinzipien und bewegt sich so von der Stille über einen, dann mehrere Töne, bzw. Worte zur Einstimmigkeit, von dort zur Koppelung der Stimmen (Melodie- und Tintinnabuli-Stimme) und damit zu den Lösungen, die Pärt findet, um einen Text nach seinen Regeln klingen und wieder schweigen zu lassen.
Nach diesem Beitrag und den 'Kurzgefassten Grundlagen der Satztechnik' folgt unter dem Titel 'Pärts einfache kleine Regeln' Leopold Brauneiss' systematische Darstellung der 'kompositionstechnisch-handwerklichen Grundlagen des Tintinnabuli-Stils' (S. 103). Er geht nacheinander alle Parameter (Melodie- und Tintinnabuli-Stimme, Vielstimmigkeit, Gestaltung der Melodie-Stimme, Rolle des vertonten Textes, harmonisches Material und seine Anordnung) durch und zeigt, wie Pärt mit der Anwendung der 'einfachen kleinen Regeln' Klang und Stille gliedert.
Die beiden folgenden kürzeren Aufsätze von Paul Hillier und Andreas Peer Kähler gehen auf die Probleme ein, die die Aufführung von Pärts Werken mit sich bringen können.
Ein Register der im Buch zitierten Werke Pärts, ein Namensregister, eine Diskographie der Aufnahmen, die unter Pärts Beteiligung entstanden sind, ein alphabetisches Verzeichnis von Pärts Werken sowie die Kurzbiographien der Autoren vervollständigen das Buch. Leider fehlt ein Verzeichnis der verwendeten Literatur und außerhalb der Fußnoten ein Hinweis auf weiterführende Literatur.
Wer sich als Hörer oder als Musiker in Pärts Werke einarbeiten will, wird hier mit Sicherheit fündig. Die unterschiedlichen Perspektiven auf seine Musik ermöglichen es dem Leser, auf der Grundlage seiner individuellen Kenntnisse selbst einen Zugang zu finden." (Marianne Noeske in: Forum Musikbibliothek Jahrgang 28, Heft 2007/1, S. 77f.)

"Der 1935 in Paide (Estland) geborene Komponist Arvo Pärt gilt – allein gemessen an den Aufführungszahlen seiner Werke – wohl als einer der beliebtesten Tonsetzer unserer Zeit. Ob das Attribut der Popularität, zumal in einer durch die Nachwehen des Serialismus geprägten Wissenschaftslandschaft der 70er Jahre, dafür gesorgt hat, dass die Musik Pärts bis dato kaum erforscht ist, sei dahingestellt. Selbst die unverzichtbare Publikation 'Moderne Musik nach 1945' von Ulrich Dibelius schweigt sich fast vollständig zu diesem Thema aus. Mit dem Erscheinen der ersten Pärt-Monographie von Paul Hillier im Jahre 1997 scheint allerdings eine Trendwende eingesetzt zu haben. Der hier zu besprechende Band 'Arvo Pärt. Die Musik des Tintinnabuli-Stils' versteht sich als eine theoretische Untermauerung des Ersteren.
Das Hauptaugenmerk der beiden Autoren Hermann Conen und Leopold Brauneiss liegt darauf, analytische Zugänge zu Pärts 'Tintinnabuli'-Kompositionen aufzuzeigen und diese mit einer einheitlichen Terminologie zu versehen. Ergänzt wird der Band durch aufführungspraktische Hinweise von Paul Hillier und Peer Kähler. Hermann Conen geht in seinem Beitrag 'Annäherung an den Kern der Musik. Systematische Anmerkungen zur Poetik Arvo Pärts' von Eckpfeilern der kompositorischen Ideenwelt des Komponisten aus. Beginnend mit einigen erhellenden Begriffserläuterungen findet Conen über die zentrale Funktion der Stille bzw. Pause den direkten Einstieg in die Werke Pärts (als Referenzwerk dient ihm das 'Miserere für Soli, Chor, Ensemble und Orgel' von 1989, rev. 1992). Schon an dieser Stelle ist verblüffend, dass die so intuitiv anmutende Musik Pärts auf handfesten Konstruktionen beruht: Die Länge und Verteilung der Pausen etwa richtet sich in jenem Fall nach den Satzzeichen des vertonten Textes. Den Mittelpunkt der Ausführungen Conens bildet die Erläuterung des 'Ursatzes' (in scharfer Abgrenzung zu dem von Heinrich Schenker geprägten Begriff): Eine in Tonleitern oder Tonleiterausschnitten verlaufende Melodiestimme und eine – von ihr abhängige und aus einem einzigen Dreiklang gespeiste – Tintinnabuli-Stimme verbinden sich zu einer Einheit und bilden so das Grundmaterial für einen Satz oder sogar ein gesamtes Werk. Die folgenden Erörterungen widmen sich hauptsächlich dem Verhältnis von Melodiestimme und Tintinnabuli-Stimme im konkreten Werk, so werden etwa die vielfältigen Möglichkeiten von zeitlichen und räumlichen Anordnungen jener beiden Bestandteile des Pärtschen 'Ursatzes' in den Blick genommen. Abschließend geht Conen auf 'Weitere Dimensionen des Tonsatzes' (S. 75) wie zum Beispiel Wortbezogenheit oder Fragen der Instrumentation ein.
Ganz bewusst verzichten Hermann Conen wie auch Leopold Brauneiss in seinem folgenden Beitrag 'Pärts einfache kleine Regeln. Die Kompositionstechnik des Tintinnabuli-Stils in systematischer Darstellung' auf die Ausweitung der Analyse Pärtscher Werke hin zur Interpretation. Vielmehr soll mit dem Band eine – auf einer einheitlichen Terminologie basierende – analytische Grundlage gelegt werden, die es dem Leser ermöglicht, im Eigenstudium und nun bewaffnet mit neuem Handwerkszeug zur eigentlichen Interpretation vorzudringen. Leopold Brauneiss geht systematisch vor und beginnt seine Erläuterungen mit dem zweistimmigen 'Ursatz' und dessen Ausweitung bis zur Vielstimmigkeit. Ein eigener Abschnitt ist der 'Gestaltung der Melodiestimme' (S. 122) gewidmet, welche – als Grundlage der Tintinnabuli-Stimme – ihrerseits häufig additiven oder permutativen Prozeduren unterworfen ist. Schließlich weist Brauneiss auf die direkten kompositorischen Auswirkungen des zu vertonenden Textes auf die Musik hin. Die Determinierung des musikalischen Geschehens durch die Anzahl von Silben, Wortbetonungen und nicht zuletzt Interpunktionszeichen erscheint als eines der wichtigsten Konstruktionsmerkmale der Musik Arvo Pärts.
Festzuhalten ist, dass es dem Komponisten nicht auf eine subjektive Ausdeutung des Textes ankommt. Vielmehr soll es darum gehen, 'den Sprachkörper musikalisch Auszuprägen' (S. 131) und ein Optimum an Textverständlichkeit zu erlangen. 'Arvo Pärt. Die Musik des Tintinnabuli-Stils' bietet ein ideales Rüstzeug, um sich den thematisierten Werken analytisch zu nähern (was, nach Lektüre des Bandes, schon ein kurzer Blick in die entsprechenden Partituren zu beweisen vermag). Leider gehen die Autoren auf die frühen, häufig seriell konzipierten Werke Arvo Pärts nur in Randbemerkungen ein. Dabei könnte sich gerade in ihnen der Schlüssel für die Herleitung vieler Konstruktionsmerkmale des Tinntinabuli-Stils finden lassen. Besonders deutlich wird dieses in der nahezu seriell zu bezeichnenden Art und Weise, wie die musikalische Ausgestaltung des Werkes durch den gewählten Text (vor-)reguliert wird. Eine 'Diskographie der Tonträger mit Pärts Beteiligung' sowie ein chronologisches Werkverzeichnis runden den positiven Gesamteindruck des Bandes ab. (Claus Woschenko, Kiel in: Die Tonkunst, Heft 2/2007, S. 183f.)

Kurzkritik in der Rubrik "Fach-Bibliothek" der ÖMZ, Heft 3-4/2007, S. 87: 

  • neue wissenschaftliche Erkenntnisse: +++
  • Einarbeitung des Forschungsstandes: +++
  • Benützerfreundlichkeit: +
  • Vermittlungsqualität: +

[Skala reicht von --- bis +++]

aktualisiert Mittwoch, 13. Mai 2009
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