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Friedrich Kiel

Sechs Fugen für Streichquartett. Erstdruck, hrsg. von Wolfgang Sawodny

  • Partitur
    ISMN M-2020-0675-7
    EURO 39,80
  • Stimmenset
    ISMN M-2020-1506-3
    EURO 34,80

Pressestimmen

"Fugen gehören zum Handwerkszeug eines jeden Komponisten; und es gibt wohl keinen Kompositionsschüler, der nicht als Abschlussarbeit seines Studiums eine Fuge geschrieben hätte. Für Friedrich Kiel markierten die jetzt im Verlag Dohr erstmals vorgelegten sechs Fugen für Streichquartett aus dem Jahr 1845 zwar auch das Ende seiner Studienjahre, jedoch hat sich der Komponist – anders als sehr viele seiner Kollegen – auch später in sei­nen Kammermusikwerken immer wieder der Fugenform erinnert.
Das halbe Dutzend Streicherfugen sieht Friedrich Kiel als einen jungen Komponisten mit sehr geschärftem Blick auf die Tradition. In der Manier von Johann Georg Albrechtsberger leitet er (bis auf eines) alle Werke mit einer Introduktion in gemessenem Tempo ein. Diese klar disponierten Einleitungen schaffen auf kleinem Raum eine recht große kontrapunktische Spannung und schärfen den Blick für die nachfolgenden, klar und übersichtlich konzipierten Fugen. Kiels transparente, wenig zu klanglichen und satztechnischen Extremen neigende Schreibweise unterstützt dabei eine im besten Sinne 'akademische', ja klassische Wirkung der Kompositionen.
Trotz aller Einheitlichkeit gibt es aber auch Kontraste in diesem kleinen kontrapunktischen Kompendium für Streichquartett. So leitet Friedrich Kiel die erste Fuge durch eine Serie von drei Variationen ein, die auf ein knapp exponiertes Thema folgen. Im kammermusikalisch eher ungewöhnlichen 4/2-Takt steht Introduktion Nr. 3 und die beiden letzten Fu­gen entwickeln in ihrem Verlauf gar einen dezent konzertanten Schwung.
Zum Eindruck der Transparenz und Geradlinigkeit, die die sechs Fugen Kiels hinterlassen, passen die zurückhaltende, wenngleich klar strukturierende Dynamik und die nur sehr selten zum Einsatz kommenden Spezifika der verwendeten Streichinstrumente; lediglich an ein paar wenigen Stellen erlaubt sich der Komponist einige Doppelgriffe. Spieltechnisch werden von den vier Ausführenden also viel mehr eine klare Diktion und Linienführung denn virtuose Einlagen gefordert. Dementsprechend hat der Herausgeber Wolfgang Sawodny bei seinen behutsamen Eingriffen in den originalen Notentext insbesondere darauf geachtet, ein einheitliches Bild hinsichtlich der Artikulation zu unterstützen.
Es wäre sicher interessant, nicht nur Friedrich Kiels Fugen, sondern vielleicht auch den kontrapunktischen Abschlussarbeiten so manch anderer Komponisten im Konzertalltag zu begegnen. Auch wenn nicht immer die Fugen-Größe eines Johann Sebastian Bach dahinter steht, so sind diese Werke doch im größeren Zusammenhang der Epoche und des übrigen Oeuvres der Komponisten von Bedeutung. Friedrich Kiels hier vorgestellte Fugen geben in jedem Fall den Blick frei auf einen Musiker von großem Ernst und klarer Technik." (Daniel Knödler, in: Das Orchester 6/2008, S. 61)

"Eine Tonsatzarbeit - aber eine schöne! Friedrich Kiel zeigt in diesen sechs zu kleinen Suiten zusammengefassten und mit allen handwerklichen Kunstgriffen versehenen Kompositionen, wie schön musikalische Mathematik sein kann." (Manuel Rösler in: ensemble 6/2007, S. 63)

"Der Kölner Musikwissenschaftler und -verleger Christoph Dohr hat sich in den vorangegangenen Jahren nicht nur im Bereich der wissenschaftlichen Publikationen sowie der verlegerischen Tätigkeit von zeitgenössischer Musik einen Namen gemacht. Zu seinem Spektrum gehören auch die Publikation (Erstdrucke) und Edition von wissenschaftlichen Notenausgaben weniger 'geläufigerer', darum doch nicht weniger interessanter Komponisten. Friedrich Kiel (1821–1885) gehört zu dieser Personengruppe. In der Edition Dohr ist nun als Erstdruck die Partiturausgabe von 'Sechs Fugen für 2 Violinen, Viola und Violoncello' erschienen, verbunden mit einem Geleitwort sowie einem kritischen Quellenbericht, beides vorbildlich erstellt durch den Herausgeber Wolfgang Sawodny. Dieser hebt bereits im Geleitwort auf den enormen Stellenwert der Fugenkomposition innerhalb des Ausbildungswegs eines Komponisten in der damaligen Zeit ab und zieht Parallelen zur Fugenausbildung des Wiener Theoretikers und Komponisten Johann Georg Albrechtsberger (1736–1809). Die hier nun der Öffentlichkeit zugänglichen sechs Quartettfugen sind nach dem Partitur-Autograph des Komponisten erstellt und ediert worden, das in der Musiksammlung der Staatsbibliothek zu Berlin (Preußischer Kulturbesitz) verwahrt wird.
Die erste Fuge gestaltet sich als Thema mit drei Variationen und einer anschließenden Fuge. Die Fugen 2, 3 und 5 sind mit einer Introduktion ausgestattet, während die vierte Fuge direkt mit einem Thema im Violoncello beginnt. Die vom Herausgeber im Geleitwort herausgestellte satztechnische 'Meisterschaft', die sich in normativen Fugentopoi wie Engführung, Kanones, Themenumkehrungen äußert, kann nicht bestritten werden. Auch gelingt es Kiel, zunächst scheinbare 'Nebensächlichkeiten', wie etwa das Quintfallmotiv im ersten Kontrapunkt der ersten Fuge (T. 94, Violoncello), zu einem satzimmanenten Motiv auszuarbeiten, das als kontrapunktisches 'Motivschnipsel' zeitweise beinahe thematische Gestalt gewinnt. Kiels Gespür für äußerst effektvolle dramatische Gesten kommt zudem in der sechsten Fuge zum Tragen. Hier erscheint die Introduktion durch ihre fugato-Anlage zunächst als Hauptfuge, obgleich durch die Tonartverhältnisse klar wird, dass dies nicht der Fall sein kann. Das vitale F-Dur-Fugenthema wird zu einem fast schon 'feroce'-ähnlichen Allegro ausgebaut, in denen einzelne plötzliche fortepiani den dramatischen Spannungsrahmen ungemein steigern. Trotz ihrer Kürze besitzt diese Fuge den Duktus einer Final-Fuge und hätte, in den größeren Kontext eines etwa drei- oder viersätzigen Streichquartett gestellt, sicherlich auch diese Funktion ausfüllen können.
Die größte Stärke der äußerst ästhetisch erstellten Ausgabe ist aber der kritische Quellenbericht. Sawodny hat sich textnah an das Autograph gehalten und scheinbare Unstimmigkeiten, wie etwa die nicht immer einheitliche Schreibweise Kiels hinsichtlich dynamischer Bezeichnungen, nicht etwa durch ständige Hinzufügung von Klammern […] im Notentext verdeutlicht. Vorgeschlagene Ausführungsanweisungen seitens Sawodny finden sich äußerst sparsam. Er wird seiner Herausgeberrolle vollständig gerecht, indem er sich die Diskussion für den kritischen Quellentext aufhebt. Es ist zu hoffen, dass die zu Lebzeiten Kiels nicht verlegten Quartettfugen nicht nur in das Quartettrepertoire aufgenommen, sondern dass diese Fugen in der musiktheoretischen Unterweisung an Hochschulen, etwa auch als pasticcio-Vorlage für den Satzlehre- oder Kontrapunktunterricht, Verwendung finden werden." (Raphael D. Thöne, in: Die Tonkunst 3/2008, S. 398f.)

aktualisiert Montag, 15. November 2010
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