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Henning Frederichs

Shir ha-shirim (1998)
für Oboe d'amore und Orgel.
Partitur und Stimme
ISMN M-2020-0560-6
EURO 16,80


Bei der Komposition von "Shir ha-Shirim" (wie auch bei anderen meiner Werke) spielen gestische Vorstellungen eine wichtige Rolle, die im folgenden angedeutet werden sollen, damit sie die Phantasie der Ausführenden anregen und (so weit möglich) in die Realisa-tion der fünf Sätze einfließen können.

Die Auswahl der Verse aus dem "Hohenlied Salomos" entspricht Marc Chagalls fünf Gemälden, die er 1957 bis 1966 schuf und mit der Widmung "Für Vava meine Frau, meine Freude und mein Glück" versah. Ihre Umsetzung in Musik jedoch folgt nur in wenigen Fällen seiner Motivik (Schofar = Oboe d'amore; das fliehende Pferd im II. Satz = punktierte Rhythmen; das langgestreckte Brautpaar im IV. Satz = aufwärts gerichtete Melodieführung.) Meist basiert sie auf den oben genannten szenischen Assoziationen: So schildert der I. Satz das Erwachen der "Freundin"; Herzklopfen, Atemgeräusche, der Rhythmus unverstehbar artikulierter Wörter, Schreie der gequälten Seele, schließlich Melodiefetzen, die den originalen Bibeltext rezitieren, versuchen die Atmosphäre der geschilderten Szene einzufangen. Am Ende erklingen Reminiszenzen an die vergleichbare Situation in Bachs Matthäuspassion. Der III. Satz ist die Übertragung eines Kanons für vier Solostimmen aus meinem halbszenischen Oratorium "Hiob", der in stammelnden Tonwiederholungen und exzentrischen Tremoli diesen wohl schwindelerregendsten Text des ganzen Alten Testaments musikalisch zu fassen sucht. Der V. Satz ist eine hymnische Toccata über Philipp Nicolais Lied "Wie schön leuchtet der Morgenstern", das zahlreiche Anspielungen auf das Hohelied aufweist und daher lange Zeit vor allem als Hochzeits-Musik bei Trauungen verwendet wurde. Das dabei eingesetzte "Hände-klatschen" ist eine in der Bibel oft bezeugte Freudenäußerung.

Bei einer Aufführung könnte der Oboist vor, neben und hinter einer Leinwand agieren, auf die das jeweilige Bild Chagalls projiziert wird: Im I. Satz ist er noch dahinter verborgen; im II. wird nur das Blasinstrument, waagerecht gehalten wie bei Chagall, sichtbar gemacht; im III. setzt der Spieler sich vor die Leinwand und zwar nach rechts gewendet,wie der Schofar-bläser im Gebüsch; im IV. wiegt er sich im Takt hin und her und steht dabei allmählich auf; im V. tanzt und klatscht er zu der Musik der Orgel, bläst nach links gewendet seinen Part und entfernt sich langsam wieder hinter die Leinwand.

Noch sinnfälliger wäre eine Projektion der Bilder auf fünf Leinwände, die - wie im Chagall-Museum in Nizza - in einem offenen Halbkreis stehen:

5

V

1 III II 4

2 I IV 3

Betrachter

 

Wenn der Oboist vor dem jeweiligen Bild spielt, schreitet er im Verlauf des Zyklus ein Pentagramm ab und folgt dabei der Entstehungsreihenfolge der Cha-gall'schen Gemälde, die der Maler eigenartigerweise durch seine spätere Zählung ( = arabische Ziffern) und auch durch die Hängung im Museum verwischte, obwohl sie die Liebesgeschichte Salomos am schönsten erzählt.

Henning Frederichs
© edition dohr 2000

aktualisiert Freitag, 6. März 2009
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