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Pressestimme
"Halb elf in der Nacht. Vor Stunden schon ist es dunkel geworden, als ich das schmale Heft mit Klavierwerken eines Komponisten in die Hand nehme, von dem ich noch nie etwas gehört habe: Johann Friedrich Nisle. Von meinem Schreibtisch aus kann ich den neuen Berliner Hauptbahnhof sehen, der wegen des heftigen Windes, der die Regentropfen gegen mein Fenster peitscht, bestimmt gleich wieder geschlossen wird. Ich versuche, mir ein Bild von diesem Musiker zu machen, von dem man nicht einmal weiß, wann er gestorben ist. Nur, dass er 1778 geboren ist. Nisle mit Betonung auf der zweiten Silbe klänge französisch vielleicht ein Rheinländer oder ein Hugenotte aus Berlin?
'Nisle, Vater und Söhne, berühmte Horn-Virtuosen. Ersterer, der Vater, dessen Vornamen nicht bekannt ist, ward geb. im J. 1776 zu Geißlingen in Württemberg ...' weiß das Neue Universal-Lexikon der Tonkunst von 1861. Aha, ein Schwabe dann vielleicht doch mit der Betonung auf der ersten Silbe.
Nisle senior ist später doch ins Rheinland gezogen, nach Neuwied, und hat dort zwei Söhne gezeugt beide sind 'reisende Waldhornisten' geworden (ich muss unwillkürlich an die 'Winterreise' denken). David ist irgendwann in Italien verschollen, und auch von seinem Bruder Johann Friedrich, dessen Klaviermusik von dem Pianisten Franz Josef Lütter wiederentdeckt worden ist, verliert sich ab 1837 jede Spur. Merkwürdig, dass ein Mensch in der Mitte des 19. Jahrhunderts einfach verschwinden kann, ohne eine Spur zu hinterlassen ...
Neugierig geworden, setze ich mich ans Klavier. Der Wind fegt immer noch heftige Regenschauer an die Fenster und unten braust der Verkehrslärm der Friedrichstraße. Doch die Klänge, die aus dem Klavier dringen, entfalten eine geradezu magische Sogwirkung. Einen so eleganten und klangvollen Klaviersatz hätte ich diesem unbekannten Komponisten gar nicht zugetraut. Die 'Variationen' (über ein eigenes Thema) präsentieren das galante Motiv geistreich in immer neuem Gewande, eine chromatische Episode führt uns geheimnisvoll-verwegen mitten hinein in die Wolfsschlucht und im darauf folgenden Adagio in Moll scheint für einen Augenblick die Zeit stehen zu bleiben. Die Abschlussvariation mit ihren stetigen Handüberkreuzungen könnte man oberflächlich nennen - sie macht jedoch in jedem Fall Eindruck und spätestens bei den tief liegenden Schlussakkorden wünscht man sich einen Hammerflügel. Oder wenigstens ein besseres Klavier ...
Der 'Marche op. 12' fällt ein klein wenig ab, ist aber nichts weniger als 'nur' elegant und geistreich komponiert. Mit diesem Johann Friedrich Nisle hätte man sich gerne über Beethoven unterhalten - dessen Totenmärsche scheint er gut gekannt und geschätzt zu haben.
Ob er auch mit Schuberts Tanzmusik vertraut gewesen ist? Die 'Sei Walzer' klingen tatsächlich wie Geschwister der berühmten Ländler aus der Wiener Vorstadt. Abwechslungsreich und charmant, mit charakteristischen Motiven und einer reizvollen Harmonik versehen, tragen sie den Spieler fort in eine andere Zeit, an einen anderen Ort. Und draußen vor der Tür flüchten die Nachtschwärmer vor Regen und Wind in den Schutz der nächsten Bar. Schwierigkeitsgrad: 3-4 (=Standard / mittelschwer)" (Manuel Rösler, in: PianoNews Heft 3 2007 (Mai/Juni), S. 80)
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