| Pressestimmen
"Christian Gottlob Neefe zählte zu seiner Zeit (1748-1798) zu den führenden Musikern, vor allem beim Musiktheater in Bonn. Seine pianistische Ausbildung erhielt er in Dresden bei Johann Adam Hiller; und zu seinen Schülern gehörte der junge Beethoven. Neefes Sonaten 'älteren Stils' bevorzugen in den raschen Sätzen die Zweistimmigkeit, ausgehend von einem kurzen Motiv und seinen Umbildungen im Laufe des Satzes. So weit so gut! Was dabei fehlt, ist die wirkungsvolle Kontrastierung innerhalb der einzelnen Satzteile wie bei Haydn oder Mozart. Gelegentlich ist auch ein Übermass an Verzierungszeichen zu beobachten, die reduziert werden können. Trotz diesen Einwänden: Die Sätze sind sauber gestaltet und verdienen Beachtung vom Schüler der Mittelstufe. Erwähnt seien an diesem stattlichen Band auch die zahlreich überlieferten, schriftlichen Äusserungen des Komponisten, seiner Gattin und der Herausgeber Inge Forst und Walter Thoene." (Klaus Wolters, in: Schweizer Musikzeitung 9/2008, S. 35f.)
"[...] Das neue Vorwort von Inge Forst ordnet den hauptsächlich für seine Singspiele bekannten Komponisten wie auch den Bezug zum Rheinland, genauer zu Bonn, wo Neefe für mehr als ein Jahrzehnt tätig war, in knapper Form ein. Beigegeben sind ebenso die ursprünglichen Begleittexte Walter Thoenes einschließlich des kritischen Berichtes sowie der von Neefe selbst erfasste und von seiner Witwe ergänzte »Lebenslauf«. Die ebenfalls enthaltene Dreingabe 'Resultat der Beobachtung meiner selbst' erfreut mit persönlichen Informationen Neefes: 'Mein Körper ist klein und äsopisch gestaltet, und überaus hager. Mein Temperament ist kolerisch=melancholisch. Doch hat auch etwas vom phlegmatischen und sanguinischen. […] Ich bin kein Freund des Ceremoniells, der Etiqvette, noch leerer Komplimente. Oft werd ich deswegen sonderbar auch wohl gar beleidigend.' Die demzufolge etwas eigene Wirkung auf andere Menschen mag Neefe seinem Schüler Ludwig van Beethoven weitergegeben haben. Von letzterem schließt die Einspielung Drechsels die während seiner Zeit bei Neefe entstandenen so genannten Kurfürstensonaten WoO 47 Nr. 13 D-Dur auf dem modernen Flügel ein und betont so eine Bindegliedfunktion Neefes zwischen der Empfindsamkeit im Zeichen des verehrten Widmungsträgers C. Ph. E. Bach und der klassischen Klaviermusik im Zeichen seines Schülers Beethoven. […]
Vorliegender Neuabdruck von Neefes ersten größeren Klavierwerken stellt eine Bereicherung für insbesondere an frühklassischer Musik interessierte Klavierspieler dar. […] Für Klavierpädagogen empfi ehlt sich die Prüfung, ob hier nicht auf überschaubarem spieltechnischen Niveau ein künstlerisch wertvollerer Ersatz für häufig zähneknirschend geduldete, aber eigentlich zu Recht geschmähte Sonatinen anderer Komponisten der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vorliegt. Die Sonaten verführen in Kombination mit den beigegebenen Einspielungen zu einer lohnenden (erneuten) Beschäftigung mit der unterschiedlichen Ästhetik eines Vortrags auf dem modernen Flügel bzw. auf dem Clavichord. Einen, wenn auch wohl nicht unbedingt so beabsichtigten, humorigen Aspekt bieten schließlich die aufgenommenen autobiographischen Schilderungen Neefes." (Christoph Kammertöns in: Die Tonkunst 7/2007, S. 305-307)
"Dieser Band mit frühen Klaviersonaten des späteren Lehrers von Beethoven in Bonn kann in jeder Hinsicht vorbildlich genannt werden. Gedruckt auf wunderschönem Papier ist bereits das Äußere ein Genuss für Augen und Hand. Aber auch inhaltlich überzeugt die Ausgabe, die auf eine inzwischen nicht mehr erhältliche Veröffentlichung aus den Jahren 1961 und 1964 zurückgeht. Ergänzt wird das Notenmaterial durch die Autobiografie Neefes (mitsamt dem 'Resultat der Beobachtung meiner selbst' und einem Anhang von der Witwe des Komponisten), einem Vorwort von Inge Forst zu Person und Werk Neefes, einem ausführlichen kritischen Bericht und einem Personen- und Literaturverzeichnis.
Die Stücke selbst können als Zwischenstufe zwischen den Klavierwerken Carl Philipp Emanuels Bachs, dem Widmungsträger dieser Sonaten, und den frühen Werken Beethovens sicher ein gewisses historisches Interesse beanspruchen. Darüber hinaus lohnt es sich aber auch für PädagogInnen, hier auf die Suche nach Alternativen zu den häufig gespielten Sonatinen und frühen Haydn-Sonaten zu gehen. Damit sind schon einige Merkmale dieser Sonaten angesprochen: meist dreisätzig sind sie von mäßiger Schwierigkeit, dabei aber durchaus vielfältig in den Charakteren. Vor allem die 'empfindsamen' und feingliedrigen langsameren Sätze sind oft harmonisch interessant. Häufig gibt es Lagenwechsel der Themen und Motive, wodurch der Klang quasi instrumentiert wirkt und die Musik ihren sprechenden Ausdruck bekommt. Hervorstechend ist die erste Sonate mit ihrem im doppelten Kontrapunkt gehaltenen, chromatisch durchsetzten Thema im ersten Satz, auf das auch der letzte Satz wieder anspielt.
Dem Band liegen zwei CDs bei, auf denen der Pianist Oliver Drechsel alle zwölf Sonaten von Neefe (komponiert 1772 während dessen Studienzeit bei Hiller in Leipzig) den drei Kurfürsten-Sonaten des zwölfjährigen Beethoven aus dem Jahr 1782 gegenüberstellt. Gespielt werden sie teils auf dem Clavichord, teils auf einem modernen Steinway, wobei zwei Sonaten Neefes und die erste Kurfürsten-Sonate jeweils auf beiden Instrumenten erklingen. Diese doppelte Vergleichsmöglichkeit ist sehr reizvoll und verdeutlicht u. a. das kompositorische Niveau und die ungleich höheren virtuosen Anforderungen dieser frühen Werke Beethovens, die über den großen Sonaten oft vergessen werden. [...]" (Linde Großmann in: Üben & Musizieren 2/07, S. 64)
"Wenn man von den geistigen Wurzeln Ludwig van Beethovens spricht, fällt sehr bald der Name Christian Gottlob Neefe, der den jungen Beethoven einige Jahre lang unterrichtet hat und dessen Genie deutlich erkannte und förderte, wo und wie er nur konnte. Aber nur selten wird dabei erwähnt, dass der aus Chemnitz stammende und durch die Theater-Aktivitäten am damaligen kurkölnischen Hof nach Bonn gelangte Neefe selber ein beachtenswerter Komponist etwa von mehreren Singspielen war, die zu ihrer Zeit erfolgreich waren. Unter dem Einfluss zumal Carl Philipp Emanuel Bachs, dessen Klavierschule er auch als wichtiges Unterrichtswerk erachtete, schrieb er auch Klaviermusik, die dem damaligen Zeitgeschmack entsprach, darunter ein Dutzend zwei- und dreisätzige Sonaten, die jetzt in einer schönen Neuedition im Rahmen der 'Denkmäler rheinischer Musik' bei Dohr in Köln erschienen sind. Was den reinen Notentext und den kritischen Bericht anbetrifft, so wurde er aus der von W. Thoene besorgten Edition in zwei Bänden aus den Sechziger Jahren unverändert übernommen. Neu ist hingegen ein Vorwort von Dr. Inge Forst zur stilistischen Einordnung und Charakterisierung von Neefes Musik sowie der Abdruck einer vom Komponisten selber verfassten Autobiographie, die dem Verständnis seiner Persönlichkeit ausgesprochen förderlich erscheint und auch ein interessantes Licht auf sein Schaffen wirft. Freilich ist auch dieser Text schon früher einmal (in den Beiträgen zur rheinischen Musikgeschichte) erschienen, doch lohnt sich seine Wiederveröffentlichung im Kontext von Neefes Musik allemal. Ganz neu ist dagegen die Beigabe von zwei CDs, auf denen der Pianist Oliver Drechsel die Sonaten vollständig eingespielt hat, wobei zum Teil ein Clavichord nach Art der Entstehungszeit der Musik, zum anderen ein moderner Konzertflügel eingesetzt wurde. Neefe hat diese Stücke nämlich ausdrücklich nicht für das seinerzeit mehr und mehr in Mode kommende 'Fortepiano', sondern ein 'Clavier' geschrieben, und damit meinte er das nur im privaten Kreise brauchbare, weil sehr leise Clavichord, auf dem allerdings - im Gegensatz zum Cembalo mit seiner Zupfmechanik - durch Variation des Anschlags eine größere Bandbreite der Dynamik und somit ein echter Crescendo-Effekt möglich ist. Zwar sind Neefes Sonaten 'Hausmusik' im besten Sinne und bieten keine allzu großen pianistischen Schwierigkeiten, enthalten aber doch viele reizvolle Details, die sie aus dem Durchschnitt herausheben. Zum interessanten Vergleich hat Drechsel auch die drei sogenannten 'Kurfürsten-Sonaten' des zwölfjährigen Beethoven mit eingespielt, die ja während der Unterrichtszeit bei Neefe entstanden und auf dessen Initiative hin dem damaligen Landesherren zugeeignet wurden. Im direkten Vergleich spürt man durchaus den Abstand, den schon das junge Genie zur Musik seines Mentors hier gewonnen hat, wobei zu bedenken ist, dass dessen Sonaten etwa ein Dutzend Jahre früher entstanden waren und ihr Autor zu dieser Zeit auch noch recht jung gewesen war. Jedenfalls gewinnt die Noten-Edition durch eine solche Beigabe an Wert auch für Nur-Hörer; eventuell wird man die CDs später auch separat erwerben können." (Gunter Duvenbeck in: Köln-Bonner Musikkalender Nr. 217 [April 2007], S. 5)
Oliver Drechsel im Gespräch
Der heute 33jährige Kölner Pianist Oliver Drechsel hat sich besonders mit Konzerten und Aufnahmen von unbekannter Klaviermusik aus dem 18. und 19. Jahrhundert einem Namen in Kennerkreisen gemacht. Anlässlich seiner Aufnahme von Sonaten des Beethoven-Lehrers Neefe haben wir mit ihm über seine Arbeit gesprochen.
Musikkalender: Herr Drechsel, durch ihren Einsatz für Raritäten und zu Unrecht vernachlässigte Komponisten haben Sie sich bei vielen Kennern den Ruf eines Spezialisten für unbekannte Klaviermusik erworben. Was reizt Sie so an diesen Dingen?
Drechsel: Wenn ich diesen Ruf vielleicht durch die diversen CD-Aufnahmen mit unbekannten Werken erworben haben sollte, so täuscht dies etwas, denn ich spiele natürlich auch das 'bekannte' Repertoire und bin mir im Klaren darüber, dass ein Beethoven natürlich bedeutender war als sein Lehrer Neefe, aber ich finde es trotzdem ungeheuer spannend und aufschlussreich, im Vergleich diese Unterschiede auszuloten und überhaupt erst erfahrbar zu machen. Außerdem ist es einfach bedauerlich, dass unser Konzert-Repertoire immer enger wird und sich auf wenige Meisterwerke reduziert, die man immer und immer wieder hört. Gerade die Klaviermusik ist doch so vielfältig und reich...
Musikkalender: Wo Sie schon Neefe ansprechen, dessen Sonaten Sie - zusammen mit Frühwerken Beethovens, die er als dessen Schüler geschrieben hat - im Rahmen einer Neuedition der Noten eingespielt haben. Hat diese Aufnahme auch einen gewissen 'pädagogischen' Hintergrund?
Drechsel: Das hat sie zweifellos, denn die Aufnahmen können dem Verständnis der Musik dienen. Auch die Verwendung zweier grundverschiedener Instrumente, nämlich eines Clavichords und eines Konzertflügels, dient solchem Zweck: Man kann im klanglichen Vergleich heraushören, welche Möglichkeiten das eine und welche das andere bietet. Es ist ja keineswegs so, dass man mit dem modernen Flügel 'alles' kann; manche Differenzierung, die das Clavichord bietet, bleibt dem 'großen Bruder' einfach versagt, der dafür viel mehr im oberen Lautstärke-Bereich 'kann'.
Musikkalender: Sollte man deshalb auch wieder im Konzertsaal auf dem Clavichord spielen?
Drechsel: Nur sehr eingeschränkt in kleineren Räumen, denn für größere ist dieses Instrument schlicht zu leise, und elektronische Verstärkung führt auch zu völlig falschen Klangeindrücken. Aber für eine CD, die man zu Hause möglichst nicht zu laut abspielen sollte, ist es schon angebracht, ein Clavichord zu benutzen, um sich zu vergegenwärtigen, wie es damals - ich möchte es vorsichtig sagen - geklungen haben könnte. Wir haben heute aber eine ganz andere Klang-Erfahrung als die Leute vor etwa 200 Jahren; darüber können wir ja beim besten Willen nicht 'hinweg hören'. Eine konzertante Gegenüberstellung von historischen Tasteninstrumenten und modernen ist aber bei Hammerflügeln schon eher möglich und war für die Hörer, die dies bei mir schon einmal miterlebt haben (z. B. bei Werken von Friedrich Kiel, dessen Klavierwerk ich momentan einspiele, auf einem oberschlägigen Hammerflügel der Sammlung Dohr und einem Steinway), sehr aufschlussreich.
Musikkalender: Also wäre es auch falsch, Sie als 'Spezialisten' für die alten Instrumente anzusehen?
Drechsel: Wenn das heißen sollte, dass ich mich hauptsächlich damit befassen würde, kann ich es verneinen. Ich habe aber aufgrund der durch den Verlag Dohr angeregten Arbeit mit alten Instrumenten und durch die Beschäftigung mit unbekannter Literatur meinen musikalischen Horizont ungemein erweitern können, und das kommt auch meiner sonstigen Tätigkeit als Pianist und Lehrer an der Hochschule sehr zugute.
Musikkalender: Das soll heißen, wenn Sie Beethovens 'Appassionata' spielen, profitieren Sie davon, seine Jugendsonate in der gleichen Tonart zu kennen und auch jene Musik, die wiederum dieser zum Vorbild diente?
Drechsel: Genau das. Man schärft dabei auch das Empfinden für den Wert bestimmter Musik, denn es ist nun einmal nicht alles von gleichem Wert und gleicher Bedeutung. Aber manchmal werden auch gute Stücke weniger bedeutender Autoren nicht gebührend anerkannt, eben weil man ihre Komponisten nicht genügend schätzt. Und wir Interpreten haben die Nicht, uns dafür einzusetzen und den Musikfreunden solche Musik nahe zu bringen.
Musikkalender: Was für die Komponisten gilt, gilt wohl auch für die Interpreten. Nur wer einen Namen hat, wird engagiert, aber wie kommt vor allem ein junger Musiker überhaupt zu einem Namen?
Drechsel: Das ist das Grundproblem für jeden 'newcomer'. Die meisten Veranstalter, selbst in kleinen Orten, wollen berühmte Künstler haben, weil sie meinen: Nur dann kommt genügend Publikum. 'Berühmt' wird man aber nur mit vielen erfolgreichen Konzerten und positiv rezensierten Aufnahmen möglichst bei großen Firmen, die aber auch nur auf die schon Arrivierten setzen, Wenn statt der städtischen Veranstalter. vielleicht auch mehr Wirtschafts-Unternehmen oder andere Mäzene als Veranstalter aufträten und eine kulturelle Verpflichtung übernähmen, sähe es für die Nachwuchsförderung möglicherweise viel besser aus...
Musikkalender: Es gehört also sehr viel Glück dazu, 'Karriere' zu machen. Hinzu kommt, dass speziell auf pianistischem Gebiet seit dem Fall des 'eisernen Vorhangs' eine unglaubliche Flut von guten Musikern aus dem Osten auf unseren Markt drängt...
Drechsel: Das beweist vor allem, das die Musikerziehung in den östlichen Ländern zumindest in der Vergangenheit einen weit höheren Stellenwert besaß als bei uns. Wir haben da sicher eine Menge aufzuholen.
Musikkalender: Ihre aktive musikalische Tätigkeit erstreckt sich aber nicht nur aufs Solistische?
Drechsel: Nein, ich liebe und treibe daneben auch viel Kammermusik, zum Beispiel im Duo mit der Cellistin Dagmar Spengler, der Solocellistin der Weimarer Staatskapelle, aber auch in anderen Formationen. In der Kammermusik muss man sich als Pianist ja eher zurücknehmen, profitiert aber auch viel von den Ideen der Partner; es ist vor allem eine gute Schule zu musikalischer Disziplin.
Musikkalender: Und gibt es neben der Musik noch weitere 'Lieblings-Beschäftigungen' für Sie?
Drechsel: Kaum. Ich lese gern mal ein interessantes Buch, aber Zeit dafür habe ich fast nur in den Ferien. Meine Freizeit gehört in erster Linie der Familie, und wenn wir uns gemeinsam für drei Wochen in einer abgelegenen Gegend von Schweden - in völliger Ruhe - erholen und sozusagen 'in der Natur aufgehen', dann gibt das Energie für ein ganzes Jahr voller Arbeit, die dann wieder doppelt Freude macht...
(Köln-Bonner Musikkalender Heft 217 [April 2007], S. 3f.)
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