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Giacomo Meyerbeer (1791 - 1864) wurde von Muzio Clementi und Karl Friedrich Zelter unterrichtet, später in Darmstadt von Abt Vogler. Vor allem in Paris errang er sensationelle und nachhaltige Publikumserfolge mit seinen effektvollen Opernkompositionen. Heute sind seine Werke weitgehend vergessen. Daß Meyerbeer reizvolle Chormusik geschrieben hat, zeigt die vorliegende Ausgabe eines "Pater Noster" für vierstimmigen Chor, das eine kontrastreiche und klangvolle Ausdeutung des liturgischen Textes bietet.
Als Quelle für diese Ausgabe wurde der Erstdruck in der Zeitschrift "Le Maitrise, Journal de musique religieuse", Paris, 1857/58, herangezogen. Bote & Bock, Berlin, veröffentlichte außerdem eine praktische Ausgabe noch vor der Jahrhundertwende, die aber seit Jahrzehnten vergriffen ist.
Das Werk trägt im Erstdruck die Überschrift "Pater Noster Offertoire=Choer à 4 voix (sans accompagnement) Par G. Meyerbeer". Bote & Bock deutscht in seiner Ausgabe die französischen Vortragsbezeichnungen ein und gibt dem Stück die Überschrift "Motette". Fraglich sind beide Bezeichnungen, zumal das Pater Noster mit dem Offertorium der römisch-katholischen Messe eigentlich nichts zu tun hat. Immerhin denkbar wäre, daß Meyerbeer sich an der gregorianischen Form des Offertoriums orientiert hat, die einen Psalm mit Antiphon vorsieht. So ist tatsächlich der Text des "Vater Unser" in seinem Aufbau, achtet man auf das Stilmittel des Parallelismus Membrorum, den Psalmen verwandt, zudem erhalten die acht Eingangstakte durch ihre Wiederholung am Ende des Stückes den Charakter eines Kehrverses und verleihen dem an unterschiedlichen musikalischen Charakteren reichen Werk zudem noch eine gewisse Geschlossenheit.
Im Erstdruck und der Ausgabe von Bote & Bock ist den Chorstimmen ein Orgel- bzw. Harmoniumauszug beigefügt mit dem Vermerk, daß die Begleitung (mit der Vortragsbezeichnung „très lié") nur dann benutzt wird, "wenn der Chor zum Sinken geneigt wäre". Dieser Auszug wurde in der vorliegenden Ausgabe weggelassen.
Im Notenbild orientiert sich die Neuausgabe stark am Erstdruck. Die recht detaillierten dynamischen Bezeichnungen wurden auch da übernommen, wo sie nur den Charakter einer "Erinnerung" haben (T. 11). Ein unsinniger Bindebogen, der sich über alle vier Sechzehntel in Takt 7 zieht und in den Parallelstellen des Erstdrucks dann fehlt, wurde eliminiert. Auch an anderer Stelle wurde die Bogensetzung der heute gültigen Notenorthografie angepaßt, so etwa in T. 6, Altstimme, wo im Erstdruck der Bogen über den ganzen Takt führt, desgleichen in Takt 23/24, Sopranstimme und Tenorstimme und Takt 28, Tenorstimme, und an einigen weiteren Stellen. In Takt 25, 2. Viertel steht im Erstdruck c, die Ausgabe bei Bote & Bock gibt as an. Beide Möglichkeiten ergeben musikalisch Sinn und hätten ihre Berechtigung (wobei dem Herausgeber die Fassung mit der Tonfolge es - as - as musikalisch schlüssiger erscheint), es sei dem Chorleiter überlassen, welche Version er wählt. In Takt 73 ist im Erstdruck und der Ausgabe von Bote & Bock in der Baßstimme nur ein Viertelwert zu finden, in beiden Ausgaben ist aber die Baßstimme der Orgelbegleitung in gleicher Länge (Halbe mit angebundener Achtel) zu den Oberstimmen notiert. In der vorliegenden Ausgabe wurde die Schlußnote in der Chorbaßstimme entsprechend verlängert.
Die Tempoangabe des Erstdruckes lautet MM Achtel = 120, die Ausgabe bei Bote & Bock gibt Achtel = 104 an. Man wird dies als Richtwert nehmen und ohnehin je nach Raumakustik und Chorgröße anders entscheiden.
Wiesbaden, im Mai 1994
Thomas Schwarz
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Pressestimme:
"... eine Motette ..., die den seinerzeit berühmten Opernkomponisten ... von einer anderen Seite zeigt. Er geht musikalisch differenziert auf den Text ein und benützt die Wiederholungen als formbildendes Element." (musica sacra 1/1996)
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