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the touch of piazzolla

Werke von Astor Piazzolla (1921-1992)
in Bearbeitungen für Bajan und Violoncello

 

 

 

 

 

 

 

 

 

duo bajanello:
Daniela Grenz, Bajan
Julia Polziehn, Violoncello

Aufnahmeort: Studio Cavalli-Record Bamberg
Aufnahmezeit: 10. bis 12. April 2002
Tonmeister und Schnitt: Hieronimus Cavalli

Cover: Nicola De Maria: EE AA stop campane (Hochglanz Siebdruck, 1982/83, Ausschnitt), Kaiser-Wilhelm-Museum Krefeld, © Nicola De Maria, Turin, (Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers)
Booklettext und Layout: Christoph Dohr

Bestell-Nummer: Verlag Dohr DCD 014
Preis: EURO 18,50

benutzte Notenausgaben: Edizioni Curci s.r.l. Milano / A Pagani s.r.l. Lipomo / Editorial Lagos s.r.l. Buenos Aires / Tonos Musikverlage GmbH Darmstadt / Paganmusic s.r.l. Cesano Boscone (MI)

the touch of piazzolla DCD 014

Astor Piazzolla

  • 01 L'Evasion [8'04'']
  • 02 Solitude [5'23'']
  • 03 Amelitango [3'59'']
  • 04-06 Tres Piezas Breves op. 4
    Nro. 1 Pastoral [2'29'']
    Nro. 2 Serenade [2'24'']
    Nro. 3 Siciliana [2'33'']
  • 07 Close your eyes and listen [4'40'']
  • 08 Le Grand Tango [11'48'']
  • 09 Years of Solitude [4'56'']
  • 10 Ave Maria [5'43'']
  • 11 20 years after [4'37'']
  • 12 Summit [3'13'']
  • 13 Novitango [3'30'']
  • 14 Soledad [7'14'']
  • 15 Reminiscence [8'09'']

Zur Aufnahme 

Die Instrumente

Das von Daniela Grenz gespielte Bajan ist kein "Akkordeon" im herkömmlichen Sinne, da es keine gekoppelten Akkorde besitzt. Es wurde 1995 vom bekannten italienischen Akkordeon-Konstrukteur Massimo Pigini als Einzelanfertigung für Daniela Grenz gebaut und ermöglicht durch eine Veränderung des Spielwinkels und der Knopfgröße in der linken Hand den Einsatz des Daumens, was neue technische und musikalische Perspektiven eröffnet. Durch das ausschließlich einzeltönige linke Manual ist ein mehrere Oktaven umfassendes polyphones Musizieren in beiden Händen möglich. Das Bajan ist damit ein vollwertiges Konzertinstrument geworden, das sowohl im solistischen als auch im kammermusikalischen Bereich, in der Neuen Musik und bei Übertragungen von Werken für Harmonium, Kleinorgel, Klavier und Cembalo seinen Einsatz findet. Die Art der Klangerzeugung entspricht der des Bandoneons, da die Töne von durchschlagenden Zungen erzeugt werden. Die Musik von Astor Piazzolla ist daher ohne besondere "Reduktion" auf diesem Bajan realisierbar.

Piazzollas Instrument war eben jenes "Bandoneon", ein Instrument aus der Zeit der Instrumentenerfinder des 19. Jahrhunderts, die ihrem "Kind" ihren Namen gaben: Der Krefelder Heinrich Band (1821-1860) entwickelte es um 1846 aus der Konzertina weiter, sein Charakteristikum sind Einzeltöne auch auf der Bassseite. Das Bandoneon wird seit etwa 1900 als Soloinstrument in den klassischen Tango-Ensembles Argentiniens verwendet.


Der Komponist

Astor Piazzolla wurde am 11. März 1921 in Mar del Plata geboren. Schon rasch machte er Karriere als Bandoneonspieler: Er begann in Tango-Orchestern, versuchte sich durch Kompositions-Studien bei Alberto Ginastera (ab 1940) zu vervollkommnen, ging nach dem Krieg nach Paris, um bei Nadia Boulanger weiter zu studieren - und wurde heimgeschickt: Als sie eines Tages seine Kompositionen hörte, gab sie ihm den Rat, sich nicht assimilieren zu lassen, sich nicht in die klassisch-europäische Musiktradition einreihen zu lassen und statt dessen seiner eigenen, vom argentinischen Tango geprägten Musiksprache treu zu bleiben.

So gilt Astor Piazzolla heute als Erneuerer des argentinischen Tangos, den er durch die Verbindung mit Elementen der Neuen Musik und Strömungen der gehobenen Popularmusik und des Jazz von der ausschließlichen Funktion der Tanzmusik löste und überhöhte ("Tango nuevo"). Piazzolla starb am 4. Juli 1992 in Buenos Aires.


Der Tanz

Der Tango ist nicht "erfunden" worden. Ein typisches Merkmal der Popularmusik ist, dass sie ständig "arbeitet", sich weiterentwickelt: Aus einem Schubert'schen Kunstlied wird ein Volkslied zurechtgesungen, aus einem Ländler der Wiener Walzer, aus einer gewandelten Habanera in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts der Tango: Was in den Arbeiter- und Hafenvierteln in und um Buenos Aires vielleicht zwei Jahrzehnte lang schmelztiegelartig ausgebrütet, raffiniert und verfeinert wird, ist 1910 als "Tango argentino" exportreif und wird in Europa als neuer Gesellschaftstanz eingeführt. Charakteristisch ist der langsame 2/4-Takt mit gleitenden, dann wieder knappen und akzentvollen Schrittkombinationen, raumgreifenden Promenaden und der "Tango-Wiege", einem Sinnbild für die Erotik des Tanzes; diese Elemente führten zu Verboten, und die Verbote machten den Tango erst recht populär. Die rasche Variante des Tango argentino ist der "Tango milonga" im 4/8-Takt.


Der Tango nuevo

Ich bin anders als alle anderen. Ich meine damit nicht besser oder schlechter als Troilo oder Federico. Nein. Was niemand anders hat, das ist mein Touch. Vielleicht übertrifft mich der eine oder andere, aber spielen wie Piazzolla kann keiner.

Astor Piazzolla, Erinnerungen, 1990

Astor Piazzolla wurde erst im hohen Alter berühmt: Seine Heimat musste erst begreifen, dass man ihre Musik, ihren Tango, so komponieren durfte, dass nicht mehr darauf zu tanzen war. Die Musiker mussten Piazzolla für sich entdecken, für seine Musik, die ungeeignet für ihre Wiege, die argentischen Tanzbars geworden war, neue Räume schaffen. Bis in die jüngste Gegenwart - jetzt, wo der Erfolg da ist - hinkt die Rezeption noch so stark hinterher, dass Piazzolla erst jetzt von Musiklexika wahrgenommen, ja ausreichend gewürdigt wird.

Auch wenn der Vergleich zu direkt ist und schocken mag: Trotz des Diktums von Nadia Boulanger steht Astor Piazzolla in direkter Nachfolge von Bach, Mozart und Beethoven: Genau wie jener die Barocktänze seiner Zeit in untanzbar stilisierten Instrumental-Suiten überhöhte, wie diese sich das Menuett als Sinfonien-Satz borgten, so hebt Piazzolla "seinen" Tango argentino auf einen Sockel, erhöht ihn zu einem (als Gesellschaftstanz) völlig ungeeigneten "neuen" Tanz, zum "Tango nuevo".

Indem er sein Instrument, das Bandoneon, im Mittelpunkt der Kompositionen lässt, behält der "Tango nuevo" Saft und Kraft, seine unverwüstliche Ursprünglichkeit. Durch die Ausarbeitung (elaboratio) seiner Urtümlichkeit atmenden Melodien (inventio) kommt eine Qualität hinzu, die seinen Tango von der Straßenmusik zur Kunstmusik erhebt. Hier ist Piazzolla den alten Meistern gleich.

Gerade auch die vorliegende Aufnahme stellt diese unverkürzt ausgelebte musikantische Virtuosität, die Lust, an Grenzen zu gehen und es damit für Spieler wie Hörer spannend zu machen, in das Zentrum der Interpretation.

© 2002 by Christoph Dohr /Verlag Dohr Köln

aktualisiert Donnerstag, 14. Dezember 2006 updated
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