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Der Komponist Friedrich Kiel, Komponist und Musikpädagoge, wurde am 8. Oktober 1821 in Puderbach/Wittgenstein geboren; 1835 bis 1838 erhielt Kiel ersten Klavier- und Violinunterricht am Hofe des musikliebenden Fürsten Albrecht I. zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg. Kiel komponierte in seiner Jugend Werke, die sofort von der Hofkapelle (gegründet um 1725, aufgelöst 1904) aufgeführt wurden. 1838/39 unterrichtete der Flötist Caspar Kummer Friedrich Kiel in Coburg in Komposition. Zurückgekehrt nach Berleburg, wirkte Kiel von 1840 bis 1842 als fürstlicher Hofkapellmeister und Musikerzieher der Fürstenkinder. Durch Fürsprache seines Fürsten erhielt Kiel ein dreijähriges Kompositions-Stipendium von König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen und studierte damit 1842 bis 1845 bei Siegfried W. Dehn, dem Kustos der Königlichen Bibliothek, in Berlin. Danach arbeitete er zwanzig Jahre lang als freischaffender Komponist, Pianist und Pädagoge (u.a. war Schumanns Tochter Elise seine Schülerin) in der stetig an Bedeutung wachsenden Stadt. Mit der auf Anhieb höchst erfolgreichen Aufführung seines Requiems op. 20 am 8. Februar 1862 in Berlin erlangte der bisher unbekannte Kiel auf einen Schlag Berühmtheit. 1866 wurde Kiel als Kompositionslehrer an das Stern'sche Konservatorium Berlin berufen (bis 1869). Die weiteren Stationen seines Berufslebens waren: Hochschule der Musik Berlin (Leiter einer Kompositionsklasse) und Akademie der Künste (Leiter einer Meisterklasse für Komposition). Bereits 1868 mit dem Professorentitel ausgezeichnet, gehörte Kiel ab 1882 dem fünfköpfigen Direktorium der Hochschule für Musik an (u.a. mit Joseph Joachim und Philipp Spitta). Die königliche Akademie der Künste ernannte ihn 1865 zunächst zum Mitglied und fünf Jahre später zum Senatsmitglied; Kiel wurde Ehrenmitglied des Berliner Tonkünstlervereins (1867), korrespondierendes Mitglied des Pariser Tonkünstlervereins (1879) und erhielt mehrere preußische und sächsische Orden. Nach einem Verkehrsunfall im September 1883 musste Friedrich Kiel im Winter 1884/85 seine Lehrtätigkeit einstellen; sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zunehmend. Kiel starb am 13. September 1885 an den Spätfolgen des Unfalls in Berlin. Die letzte Ruhestätte des Komponisten befindet sich nach einer Umbettung seit 1971 im Geburtsort Puderbach in einem Ehrengrab an der südlichen Außenmauer der evangelischen Kirche. Friedrich Kiels Kompositionen lassen sich stilistisch schwer einordnen. In seinem Personalstil vermengen sich Elemente des Barocks, der Klassik, der Romantik bis hin zu solchen aus Kiels unmittelbarer Gegenwart mit seiner eigenen genuinen Idiomatik: Manchmal präsentiert sich Kiel als raffinierter Kontrapunktiker in der Nachfolge Johann Sebastian Bachs (Kiels Lehrer Siegfried W. Dehn wirkte an der ersten Bach-Gesamtausgabe mit und gilt als früher Verfechter des "Urtext"-Prinzips), dann finden wir Elemente, die an Carl Maria von Weber, Frédéric Chopin oder Robert Schumann gemahnen; in seinen stärksten Kompositionen erreicht Friedrich Kiel Johannes Brahms. Kiel ist damit typischer Vertreter der deutschen Romantik. Friedrich Kiel ist durch den Gang der Musikgeschichtsschreibung, die bis heute für Kiels Zeit auf die Antipoden Brahms ("Brahmsianer") und Wagner ("Wagnerianer") fokussiert ist, in das zweite Glied des musikalischen Bewusstseins gedrängt; dabei war Friedrich Kiel zu seiner Zeit vielgespielt, seine Notenausgaben waren weit verbreitet, und durch die überdurchschnittlich große Schülerzahl war Kiel international bekannt und nicht ohne Einfluss auf die ihm nachfolgende Generation von Komponi-sten. Kiels uvre (83 Opuszahlen, zu-dem einige Früh- und Gelegenheitswerke ohne Opuszahl) gliedert sich in die Schwerpunkte Klavier-, Kammer- und geistliche Vokalmusik (ein Oratorium; zwei Requien u.a.m.); weitere Felder wie das Kunstlied oder Orgelmusik wurden nur gestreift, Bereiche wie Sinfonik, Konzerte (mit Ausnahme des Klavierkonzerts) und Oper gar nicht betreten. Für sein Klavierschaffen ist auffällig, dass Kiel nach ersten ungedruckten, zum Teil auch nicht zu Ende geführten Versuchen die Gattung der Klaviersonate gänzlich mied (größere Formen pflegte Kiel jedoch im Bereich der Kammermusik; größtes Klavierwerk sind die halbstündigen Variationen und Fuge op. 17). Für Kiel, von dem alles veröffentlicht wurde, was er zum Druck vorschlug, sind stattdessen Klavier-Zyklen mit Charakterstücken (entweder programmatisch oder - wie auf vorliegender Einspielung - opusweise nach Typus zusammengefasst) in freier Form eigentümlich. Auch hierin zeigt er sich als Exponent der deutschen Romantik. Auffällig ist zudem der bei den Klavierwerken stark schwankende pianistische Anspruch, der ein pädagogisches Konzept für das Instrument der Massen, das Pianoforte, dokumentiert: Während einige Werke gezielt für Schüler und für den Hausgebrauch der "Dilettanten" geschrieben sind, fordert er in seinen wichtigeren, für den Konzertgebrauch vorgesehenen Werken professionelle technische und gestalterische Versiertheit. In dieser Bandbreite ist Kiel mit Robert Schumann vergleichbar. Sehr aufmerksam verfolgte Kiel die instrumentenbauliche Entwicklung des Klaviers: Mit seinem besonderen Sinn für Klangraffinement hat er "Klang" und "Klänge" im Klavierbereich nicht nur ausgeschöpft, sondern auch erweitert. Immer wieder sind Elemente, die von pianistischen Figuren bis hin zu unverbrauchten harmonischen Konstellationen reichen, zu entdecken, die Kiel deutlich über den Rang eines Eklektikers hinausheben. Mit Friedrich Kiel öffnet sich der Blick auf einen entdeckenswerten Vertreter des deutschen Mu-siklebens in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts für all diejenigen, die neues Repertoire jenseits des abgegrasten Feldes der allzu bekannten "Haupt-Komponisten" kennenlernen wollen. Die Rolle Friedrich Kiels im Berliner Musikleben ist derzeit noch weitgehend unerforscht. Er verbrachte zwei Drittel seines Lebens lehrend in Berlin, davon die letzten 20 Jahre in renommiertesten Stellungen. Seine Position als hoch angesehener Lehrer von mehr als 150 Tonsatz- und Kompositionsschülern ist zwar durch eine Dissertation von Helga Zimmermann dokumentiert, aber noch nicht ausreichend im allgemeinen Bewusstsein gewürdigt.
Beim für die Ersteinspielung des Gesamtwerkes für Klavier von Friedrich Kiel verwendeten Instrument handelt es sich um einen Konzertflügel aus der Werkstatt eines der führenden Berliner Klavierbauers seiner Zeit, Theodor Stöcker. Wilhelm Julius Theodor Stöcker (1811-1878) baute von Ende der 1830er bis zur Schließung seiner Firma aus Altersgründen bis auf ganz wenige Ausnahmen ein einziges Instrument in reiner Handarbeit: Konzertflügel ca. 220 cm lang mit oberschlägiger Mechanik in Palisander fourniert. Die Mechanik wurde im Laufe der Jahre kontinuierlich wei-terentwickelt. Stöcker gehörte in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu den besten deutschen Klavierbauern. P.A. Rudolf Ibach besuchte auf einer großen Rundreise am 29. Mai 1865 die Stöckersche Werkstatt und notierte in sein Tagebuch: "... zu Theodor Stöcker, Leipziger Straße, gegangen. Fabrikant von oberschlägigen Flügeln. Dieselben sind sehr schön gleichmäßig und wohlklingend, fast glockenartig. St[öcker] macht im Diskant auf der Platte eine eigene Vorrichtung zur Bequemlichkeit des Stimmens [Feinstimmer], während die Stimmnägel an dieser Stelle nur zum Aufziehen der Saiten dienen. [...] Die Mechanik ist eigenthümlich und sehr compliciert. - St[öcker] baut nur diese Sorte von Flügel in 2 Größen, arbeitet sehr solide, ist mit seinem Fache sehr vertraut, macht kein Aufsehen mit seinen Fabrikaten, verkauft aber dabei sehr viel, u[nd] macht gar nicht mit Händlern. St[öcker] betreibt sein Geschäft so, wie man eine Pianofortefabrik eigentlich betreiben soll, aber heutzutage nicht mehr kann. Wenn St[öcker] auf diese Weise ruhig fortarbeitet, so wird er bei dem Aufsehen und dem Geschrei, welches jetzt überall gemacht wird, der Welt bald unbekannt, und in sich selbst vergehen werden." Theodor Stöcker arbeitete rein handwerklich, also nicht industriell wie etwa Ibach. Wie andere herausragende Klavierbauer auch (Streicher in Wien, Pleyel, Pape und Erard in Paris, nach ihm Bechstein und Duysen in Berlin) unterhielt Theodor Stöcker einen eigenen Konzertsaal in der Kochstraße 57 in Berlin, um seine Instrumente konzertant dem zahlungskräftigen Publikum näherzubringen. Konzerte sind von ca. 1844 bis in die Mitte der 1860er Jahre nachweisbar; für den Berliner Tonkünstlerverein war der Stöcker'sche Saal zugleich eine Art "Heimstatt". Als Mitglied des Tonkünstlervereins debutierte Friedrich Kiel im Stöcker'schen Saal. Die Festschrift zur Feier des 50jährigen Bestehens des Berliner Tonkünstlervereins im Jahre 1894 berichtet in ihrer Chronik: "Bemerkenswerth ist in diesem Jahre noch eine am 20. November 1858 bei Stöcker abgehaltene Soirée vor Zuhörern, da sich hierin zum ersten Male Friedrich Kiel als Komponist und Pianist dem Verein vorstellte; er spielte Kanons und Fugen, ferner ein Trio von sich, unter Mitwirkung des Violinisten Grünwald und des Cellisten Dr. Bruns ...". Die Neue Berliner Musikzeitung hatte am 24. November 1858 gewertet (12. Jg., Nr. 48): "... die strenge Beobachtung der Form verband sich hier mit den modernen Anforderungen an die Technik des Klaviers." Theodor Stöcker baute innerhalb von 33 Jahren etwas mehr als tausend Instrumente, von denen nach Forschungen des Stöcker-Fachmannes Heiko Schwichtenberg vielleicht vierzig erhalten sind. Wiederum nur ein Teil der erhaltenen Instrumente befindet sich in spielfähigem Zustand. Der für die vorliegende Einspielung verwendete Konzertflügel mit der Produktionsnummer 944 wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit 1868 gebaut; das Instrument wurde im Jahre 2001 aus deutschem Privatbesitz für die Sammlung Dohr erworben und von den Werkstätten für historische Tasteninstrumente J.C. Neupert Bamberg unter Wahrung der vollständig erhaltenen Originalsubstanz konzerttauglich restauriert. © by Christoph Dohr /Verlag Dohr Köln 2001 |