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"Wenn durch die Phantasie nicht Dinge entständen, die für den Verstand ewig problematisch bleiben,
Spricht man in der Musik von "Fantasie", so kann - über die schöpferische Erfindungskraft hinaus, aus der Improvisation wie Komposition erwachsen - auch das mit "Fantasie" betitelte Musikstück gemeint sein. Bei diesem lässt sich als wichtiges Charakteristikum die freie, unbestimmte Form herausstellen: die freie Gestaltung der einzelnen, vielleicht ohne erkennbaren Zusammenhang aneinander gefügten Abschnitte der (oft aus dem Improvisieren, sprich "Fantasieren" entstandenen) Komposition. Ebenso wenig wie an bestimmte Formen sind komponierte Fantasien an einen definierten Charakter oder an andere musikalische Normen gebunden. Verfolgen wir dies an einigen Klavier-Fantasien aus der Zeit zwischen 1785 und 1892, zwischen musikalischem Sturm und Drang und Spätromantik. Wie sich Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788) das Wesen der musikalischen, freien Fantasie vorstellte, hat er in seinem "Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen" beschrieben. Dort heißt es unter § 12 im 41. Kapitel des 2. Teils: "Das Schöne der Mannigfaltigkeit empfindet man auch bey der Fantasie. Bey der letzteren müssen allerhand Figuren, und alle Arten des guten Vortrages vorkommen. Lauter Laufwerk, nichts als ausgehaltene, oder gebrochene vollstimmige Griffe ermüden das Ohr. Die Leidenschaften werden dadurch weder erreget, noch gestillet, wozu doch eigentlich eine Fantasie vorzüglich solte [sic] gebrauchet werden." Ganz im Sinne des sogenannten "Empfindsamen Stils" geht es ihm in der Fantasie demnach vorrangig darum, "Leidenschaften zu erregen und zu stillen", wie auch in der Fantasie C-Dur aus der vorletzten der sechs Sammlungen von "Clavier-Sonaten und freyen Fantasien nebst einigen Rondos fürs Fortepiano für Kenner und Liebhaber" von 1785. Schon der Anfang birgt einen Kontrast in sich, und zwar mit den Motiven des gebrochenen, schnell aufsteigenden Akkords im forte und des folgenden "Kuckucks"-Rufs im piano, die sich als roter Faden durch die gesamte Fantasie ziehen. Dazwischen fügt Carl Philipp Emanuel unterschiedlichste Episoden, welche zum Beispiel toccatenhafte Läufe und Akkorde, ruhige Sanglichkeit in taktweise wechselnder Lautstärke, aber auch polyphone Anlehnungen an seinen Vater Johann Sebastian Bach enthalten. Alle Abschnitte schließen übergangslos aneinander an und verleihen damit der Fantasie ihren improvisierten Charakter. Vom Kontrast zwischen anfänglichem d-Moll und abschließendem D-Dur geprägt ist die drei Jahre zuvor entstandene Fantasie d-Moll KV 397 von Wolfgang Amadé Mozart (1756-1791). Der in gebrochenen Akkorden improvisierenden Einleitung folgt das nachdenkliche, mehrfach ansetzende und von lebhafteren Steigerungen und raschen Läufen unterbrochene Thema (Moll), das schließlich von einem fröhlichen Allegretto (Dur) verdrängt wird, mit dem die Fantasie unbeschwert endet. Ebenfalls einen Moll-Dur-Kontrast beinhaltet das Fantaisie-Impromptu cis-Moll op. posth. von Frédéric Chopin (1810-1849) aus dem Jahre 1834/35, das jedoch formal nicht frei ist, sondern eine dreiteilige Liedform (ABA) als Grundlage besitzt. Dem wiederkehrenden, in eleganter Virtuosität dahinfließenden ersten Teil (cis-Moll) steht dabei der langsamere Mittelteil (Des-Dur = Cis-Dur) mit seinem liedhaften, ruhigen Charakter gegenüber. Fantasien ganz anderer Art sind die 1892 komponierten fünf Morceaux de fantaisie op. 3 von Sergei Rachmaninov (1873-1943). Hier ergießt sich die schöpferische Kraft der jugendlichen Fantasie in fünf Charakterstücke verschiedenster Wirkung. Der expressiven Elégie es-Moll mit ihrem sich zu einem leidenschaftlichen Höhepunkt steigernden Mittelteil folgt das als erstes verfasste und berühmteste dieser fünf Fantasiestücke, das tragisch ernste Prélude cis-Moll, mit dem Rachmaninov - wie auch mit der Mélodie E-Dur - einen großen Eindruck bei Tschaikovsky hinterlassen hat. Die humoreske und fulminante Polichinelle fis-Moll ist eine nahezu bildhafte Darstellung der Figur des vulgären Clowns Pulcinella der Commedia dell´arte, und die abschließende Sérénade b-Moll verbreitet nach einer langsamen Einleitung durch ihre Gitarren-Anklänge spanisches Flair. Dem romantischen Motiv des "Wanderns" verpflichtet ist die großartige, 1822 entstandene Fantasie C-Dur D760 von Franz Schubert (1797-1828), die eine revolutionäre Neuerung des Fantasiebegriffes bedeutet. Hatte bereits Ludwig van Beethoven durch seine Sonaten "quasi una fantasia" die Sonate in die Nähe der Fantasie gerückt und die etablierte Sonatenform freier gestaltet, so vollzieht Schubert nun die vollständige Vermischung der beiden Gattungen. Seine "Wanderer"-Fantasie besteht aus vier ohne Unterbrechung aufeinander folgenden (Sonaten-)Sätzen, wobei jeweils über das gleiche rhythmische (Leit-)Motiv "fantasiert" wird und damit der Eindruck eines geschlossenen Ganzen zustande kommt. Das zugrunde liegende Motiv ist ein Selbstzitat aus seinem 1816 komponierten Lied "Der Wanderer" D493 [Text: Georg Philipp Schmidt (von Lübeck)], nämlich der Beginn der Klaviertranskription der Strophe "Die Sonne dünkt mich hier so kalt, die Blüte welk, das Leben alt, und was sie reden, leerer Schall, ich bin ein Fremdling überall." Diese macht Schubert im langsamen zweiten "Satz", der nach dem beschwingten ersten "Satz" das Kernstück der Fantasie bildet, zur Basis der darauf folgenden Variationen. Hierdurch kam die Fantasie nach Schuberts Tod zu ihrem Beinamen. Der dritte "Satz" vom Typ eines Scherzos kann als entwickelnde Variation des ersten "Satzes" gesehen werden, bevor der mit einer Fuge anhebende, aber alsbald in virtuose Akkordzerlegungen und sequenzierende Steigerungen übergehende Schluss-"Satz" dem Ganzen ein "fantastisches" Ende bereitet. Ähnlich wie mit der Fantasie in der Musik werden auch in der Bildenden Kunst durch das Sprengen alter Vorstellungsmuster neue Horizonte eröffnet. Die besondere Verbindung zwischen Malerei und Musik, insbesondere dem Klavier, drückte bereits Wassily Kandinsky aus: "Die Farbe ist die Taste. Das Auge ist der Hammer. Die Seele ist das Klavier mit vielen Saiten. Der Künstler ist die Hand, die durch diese oder jene Taste zweckmäßig die menschliche Seele in Vibration bringt." Für die Künstlerin Gloria M. Goldini hat vor anderen Gestaltungsmitteln die Farbe musikalische, symbolische und kosmische Bedeutungen. Ihr auf dem CD-Cover abgebildetes Gemälde "Sacred Path" (entstanden 2001) wurde von Schuberts "Wanderer"-Fantasie inspiriert, wobei jedoch der Rahmen der Romantik gesprengt und auf eine früher liegende geistige Quelle zurückgegriffen wurde: Nach dem großen persischen Mystiker und Dichter Maulana Dschelaladdin Rumi (1207-1273) ist der Wanderer - im göttlichen Geliebten lebend - Künder des geistigen Prinzips der Welt. "Sacred Path" versinnbildlicht diese geistige Vorstellungskraft der Künstlerin (deren Schaffen von Heinrich Theissing einer neuen Gattung "Supra-Naturalismus" zugeordnet wird) und entspricht den Fantasien in der Musik durch die Vielschichtigkeit der zusammengefügten Elemente, welche einen mehrdimensionalen Bedeutungsrahmen eröffnen. © by Oliver Drechsel /Verlag Dohr Köln 2001 |